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1 Institutioneller Rahmen und inhaltliche Vorüberlegungen
1.2 Inhaltliche Vorüberlegungen
1.2.1 Wer ist meine Zielgruppe? - Ausgangsvoraussetzungen
1.2.2 Was will ich erreichen? - Zielformulierung
2.1 Methodisches Konzept
2.2 Organisatorisches Konzept
2.2.1 Proberaum
2.2.2 Finanzierung
2.2.3 Termine
3.1 Der Weg von den Improvisationen zum Aufführungsstück
3.1.1 Die Phase der Gruppenfindung, der Spiele und der freien Assoziation
3.1.2 Die Phase der Stückfindung
3.1.3 Die Phase der Regiearbeit, der Rollenfindung und Fixierung
3.2 Der gruppendynamische Prozeß
3.2.1 Wie sich die endgültige Gruppe zusammenfand
3.2.2 Eine kurze Charakterisierung der TeilnehmerInnen
3.2.3 Probleme, die innerhalb des Probenprozesses auftraten
3.3 Die organisatorische Durchführung
3.3.1 Proberaum
3.3.2 Termine
3.3.3 Aufführungsplanung und Öffentlichkeitsarbeit
3.3.4 Finanzierung
3.3.5 Aufführungen
4.1 Verhältnis zwischen Planung und Durchführung des Projektes
4.1.1 ... hinsichtlich der Produktion
4.1.2 ... in methodischer Hinsicht
4.1.3 ... in der Organisation
4.2 Meine Rolle als Gruppenleiterin
4.3 Inwiefern habe ich meine Ziele erreicht?
4.3.1 In der künstlerischen Arbeit
4.3.2 Unter pädagogischen Gesichtspunkten
Für meine Theatergruppe wollte ich die BewohnerInnen des Haus am Hegholz" in Grebenhain-Hochwaldhausen (Vogelsberg/Hessen), eines Wohnheims der Gemeinnützigen Schottener Rehabilitations- und Betreuungseinrichtungen der Jugend- und Sozialhilfe GmbH (GSR), gewinnen. In dieser Einrichtung habe ich als Nachtbereitschaftsaushilfe während meines Studiums, als Anerkennungspraktikantin und als pädagogische Fachkraft insgesamt fünf Jahre gearbeitet. Die 17 BewohnerInnen des Haus am Hegholz" im Alter von 23 bis 37 Jahren leben mit unterschiedlichen sozialen, psychischen und/oder körperlichen Einschränkungen bzw. Benachteiligungen.
Im Vorgespräch mit der Heimleiterin und durch meine eigene Kenntnis der Struktur der Einrichtung waren folgende institutionelle Rahmenbedingungen im Vorfeld geklärt:
Aufgrund der beiden letzten Punkte und der besonderen Schwierigkeiten mit dieser Zielgruppe ging mein Projekt nach Absprache mit dem TPZ über einen längeren Zeitraum als im Ausbildungsplan vorgesehen, nämlich vom 17.04. bis 14.08.1999.
Ich kenne alle, die sich möglicherweise auf mein Projekt einlassen, seit Jahren und habe diese Beziehungen auch weiter gepflegt, als ich nicht mehr in der Einrichtung arbeitete. Daher konnte ich davon ausgehen, daß die BewohnerInnen nicht unbedingt nur aus Lust am Theaterspielen, sondern auch mir zuliebe an diesem Projekt teilnehmen würden. Ein weiterer Grund wäre evtl. noch der Reiz, etwas anderes und ungewohntes zu versuchen. Dabei wäre wiederum von Vorteil, daß sie mich schon so lange kennen und Vertrauen zu mir haben.
Bevor ich die BewohnerInnen für mein Projekt anwarb, hatte ich schon Vermutungen, wer wahrscheinlich mitmachen würde und wer eher nicht; trotzdem mußte ich davon ausgehen, daß auch welche teilnehmen würden, von denen ich es nicht erwartet hätte. Die Bandbreite der Beeinträchtigungen der BewohnerInnen des Haus am Hegholz" ist relativ groß: Manche haben eine Lernbehinderung und können teilweise nicht lesen und schreiben, andere sind körperlich und/oder geistig beeinträchtigt und wieder andere leiden unter psychischen Krankheiten, die zum Teil mit Psychopharmaka behandelt werden. Bei einer möglicherweise so extrem heterogenen Gruppe ist es in meiner Arbeit besonders wichtig, auf die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse einzugehen und damit Über-, aber auch Unterforderung der einzelnen TeilnehmerInnen zu vermeiden. Für alle gilt in jedem Fall, daß sie unter ihrem Anderssein" leiden und bisher keinerlei Theatererfahrung haben. Das könnte bedeuten, daß es sie eine große Überwindung kosten würde, sich innerhalb der Gruppe zu präsentieren und erst recht außerhalb auf einer Bühne.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, den ich beachten muß, ist, daß meine Theatergruppe ein Teil einer bestehenden Wohngruppe ist. Die TeilnehmerInnen
Hauptziel des Projektes ist eine kleine Präsentation von in der Gruppe entwickelten Szenen, in einem inhaltlichen und/oder formalen Rahmen zusammengestellt, auf dem alljährlich stattfindenden Sommerfest im Haus am Hegholz", zu dem neben den anderen HeimbewohnerInnen auch BewohnerInnen anderer Wohnheime, (Pflege-) Eltern, gesetzliche BetreuerInnen, die HandwerksmeisterInnen der WfB, Angehörige der Hauptverwaltung der GSR, ÄrztInnen, FreundInnen usw. eingeladen sind. Sollte sich die Gelegenheit ergeben und es sich herausstellen, daß ich meine TeilnehmerInnen damit nicht überfordere, würde ich es mir sehr wünschen, daß wir zusätzlich auch eine Präsentation außerhalb der GSR machen. Dies würde meinem konzeptionellen Ansatz entsprechen, nämlich Theater mit Behinderten, einer gesellschaftlichen Randgruppe, nicht nur für andere Behinderte und deren Angehörige im weitesten Sinne, sondern auch für eine breitere Öffentlichkeit zu machen, um integrativ zu wirken.
Während des Projektes möchte ich das Gruppengefühl der TeilnehmerInnen stärken, was eventuell auch Auswirkungen auf die Gesamtgruppe im Wohnheim hat. Die TeilnehmerInnen sollen sich selber (ihre Ausdrucksmöglichkeiten, ihren Körper, ihre persönlichen Stärken und Fähigkeiten etc.) und die anderen in der Gruppe besser und vielleicht auch ganz neu und anders erleben. In unserer Theaterarbeit möchte ich die TeilnehmerInnen zu Spaß, Lust am Spielen, Kreativität und Phantasie anregen, die in ihrem Alltag häufig zu kurz kommen. Mein pädagogisches Hauptziel ist, ihr Selbstbewußtsein durch Erfolgserlebnisse während des Arbeitsprozesses und bei der öffentlichen Präsentation zu stärken. Erfolg" definiere ich dabei als Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Arbeit und der eigenen Person.
Von oben genannten Voraussetzungen ausgehend wollte ich die TeilnehmerInnen in den ersten Einheiten zunächst vorsichtig und spielerisch an das Theaterspiel heranführen und gleichzeitig durch verschiedene Methoden mögliche Themen für ein Stück in der Gruppe sammeln.
Da wir in der Ausbildung bisher in erster Linie Gruppenanleitungen für die Ausbildungsgruppe und damit für Erwachsene gemacht haben, hatte ich keine genauen Vorstellungen, welche Spiele, Übungen und Improvisationsübungen speziell für meine Zielgruppe geeignet sind. Daher wollte ich zu Beginn des Projektes ein breites Spektrum von Übungen anbieten - die TeilnehmerInnen sollten einerseits nicht mit zu vielen Übungen einer Art überfordert werden (vor allem wenn diese für sie möglicherweise problematisch sein könnten wie z.B. Körperarbeit, Vertrauensübungen, Stimm- und Präsenzübungen), zum anderen könnte ich mir so einen Überblick verschaffen, welche Übungen für meine Gruppe geeignet sind, mit welchen sie Schwierigkeiten haben und welche eventuell gar nicht für sie in Frage kommen. Dabei war mir besonders wichtig, möglicherweise problematische Übungen (s.o.) mit spielerischen abzuwechseln, damit die TeilnehmerInnen immer wieder Spaß haben können und eventuell auftretende Krisen sie nicht völlig vom Theaterspiel abschrecken. Bei allen Übungen mußte ich außerdem die individuellen körperlichen, geistigen und psychischen Besonderheiten der Gruppenmitglieder berücksichtigen.
Auch bei der Themensammlung wollte ich bewußt unterschiedliche Methoden einsetzen, damit sich jedeR auf seine/ihre individuelle Art einbringen kann. Weil ich die potentiellen TeilnehmerInnen kannte und mir auch ungefähr vorstellen konnte, wer in die Theatergruppe kommen würde, hatte ich schon einige Ideen und Vorstellungen, wen ich möglicherweise wie einsetzen könnte, wer spezielle Fähigkeiten hat, in denen er/sie sich relativ sicher fühlt (eine mögliche Teilnehmerin spielt z.B. Gitarre), und wem ich bestimmte Dinge eher nicht zumuten bzw. zutrauen würde.
Das Vortreffen im Wohnheim sollte für alle BewohnerInnen offen sein und von den ErzieherInnen als offizieller Termin angekündigt werden, und zwar nur mit der Information, daß ich kommen und ihnen etwas mitteilen wolle. Dabei wollte ich erst mit ihnen das Spiel Was kann man mit einer Zeitung machen?" spielen und ihnen im Anschluß von meinem Theaterprojekt erzählen.
Ich hatte diverse Telefonnummern von der Gemeinde Grebenhain, dem Vorsitzenden des Kulturvereins Hochwaldhausen, dem Dorfgemeinschaftshaus und verschiedenen Gastronomiebetrieben, die über Veranstaltungsräume im Ort verfügen. Darüber hinaus hatte ich Kontakt zu der Leiterin des Jugendtreffs in Herbstein (ca. 7 km von dem Wohnheim entfernt, was eventuell zu einem Transportproblem führen könnte), der auch zu bestimmten Zeiten genutzt werden könnte. Da ich voraussichtlich über kein Geld verfügen würde, durfte uns die Nutzung des Raums nichts kosten. Bis kurz vor dem ersten Probetermin war das Raumproblem noch nicht geklärt.
Die wöchentlichen Fahrtkosten von Köln in den Vogelsberg werden hoffentlich zumindest teilweise vom Arbeitsamt übernommen. Der Proberaum durfte nichts kosten, und alle anderen notwendigen Ausgaben (Telefon, Materialien für die Übungen, Büromaterial, Plakate, Verschicken von Einladungen, sonstige Kopierkosten usw.) sollten so gering wie möglich ausfallen. Dieses Geld mußte ich zunächst vorstrecken und die Quittungen aufbewahren. Nach der Aufführung wollte ich dann freiwillige Spenden sammeln, die hoffentlich meine Unkosten decken und sogar auch noch für eine kleine Feier mit der Gruppe ausreichen würden.
Aus oben bereits genannten Gründen sollte das Projekt jeweils am Wochenende stattfinden. In Frage kamen der Samstag- oder Sonntagnachmittag, wobei mir der Samstagnachmittag lieber war, um nicht direkt im Anschluß an die Probe noch die Fahrt nach Köln vor mir zu haben.
Zwei Termine würden wegen der Freizeit ausfallen und voraussichtlich ein Termin am letzten Juliwochenende ebenfalls, da die TeilnehmerInnen an diesem Wochenende auf einem Countryfest sein würden.
Eine Aufführung sollte am 14.08.1999 im Rahmen des Sommerfestes stattfinden und eventuell eine weitere, bei der Datum und Ort aber noch nicht feststanden.
In den ersten vier Treffen habe ich zum einen viele verschiedene Theaterspiele und -übungen eingesetzt: Phantasiereise, Kreisspiele, Konzentrations-, Präsenz-, Imaginations- und Bewegungsspiele und Tanz. Um den TeilnehmerInnen möglichst bald die Angst vor der Bühne zu nehmen, konfrontierte ich sie von der ersten Stunde an mit Improvisationsübungen wie der Bloßstellungsübung, dem Gehen von A nach B", dem Statuenbau etc., die ich teilweise direkt im Anschluß mit der Gruppe reflektiert habe: Wie war es für dich, auf der Bühne zu sein bzw. die anderen auf der Bühne zu erleben?" Anhand dieser Übungen führte ich sie auch in die Theaterregeln ein. Die TeilnehmerInnen waren trotz ihrer Ängste, die sie vorher geäußert hatten, auch sehr schnell bereit, selber kleine Szenen zu improvisieren. Als dritte Ebene in dieser Anfangsphase sammelte ich mit verschiedenen Methoden, die auch unabhängig voneinander liefen, mögliche Themen für unsere Collage: Zunächst ließ ich sie frei mittels eines Erzählsteins" im Kreis Themenvorschläge machen; zu einigen dieser Themen haben wir Wortassoziationsketten gebildet; sie sollten eigene Musikstücke mitbringen, zu denen wir spontan Bilder gemalt haben; wir haben im Kreis einen imaginären Raum und später reihum den realen Raum gestaltet, in dem dann eine Szene improvisiert wurde.
Auf der einen Seite diente mir dieser theaterpädagogische methodische Rundumschlag" dazu, festzustellen, was ich meiner Gruppe zumuten kann, wo ihre Fähigkeiten und Schwächen liegen. Gleich in der ersten Stunde habe ich beispielsweise festgestellt, daß die TeilnehmerInnen Schwierigkeiten mit einer Phantasiereise hatten. Sie waren teils nicht in der Lage, sich darauf einzulassen, oder sie gingen so tief hinein, daß sie sich ängstigten. Ich habe daraufhin keine Phantasiereise mehr eingesetzt. Dagegen waren sie von Kreisspielen wie zum Beispiel dem Toasterspiel" begeistert. Besonders gerne improvisierten sie kleine Szenen. Neben diesem Austesten" meiner Gruppe wollte ich auf diese Weise vielfältige Ideen für unser zukünftiges Stück sammeln. Ich bekam dadurch mit, für welche Themen sie sich interessierten, welche Bewegungsabläufe ihnen lagen, welche Rollentypen sie bevorzugt spielten und wo ihre Ängste und Hemmungen lagen. Das Sammeln von Ideen beschränkte sich dabei nicht nur auf die Proben, sondern fand auch weiter in den Pausen statt. Ziemlich früh gab es aufgrund unterschiedlicher Umstände (vorhandene Karnevalskostüme, die Stofftiersammlung eines Teilnehmers, Improvisationen, Hobbys wie Mountainbikerennen fahren usw.) schon festgelegte Rollen, Rollenwünsche und Requisiten. In unserem Stück vorkommen sollten Zorro, ein Vampir, Trimmdichräder anstelle der Mountainbikes, ein Polizist und die Stofftiere. Als vorherrschendes Thema stellte sich zunächst Der Alltag und seine Unwägbarkeiten" heraus, und zwar konkret der Alltag der BewohnerInnen eines Wohnheims der GSR. Unklar war mir allerdings noch, in welchem Rahmen die einzelnen Szenen zusammengefaßt werden könnten und wie ich es erreichen würde, daß die TeilnehmerInnen innerhalb dieser Thematik in den Improvisationen von sich selbst und ihren konkreten persönlichen Erfahrungen abstrahieren.
Beim vierten Gruppentreffen kam es zu einem Durchbruch der unsere Arbeit in eine völlig neue Richtung lenkte: Eigentlich wollte ich mit der Gruppe in erster Linie Bewegungsabläufe und Reaktionen trainieren und sie sich zudem ein wenig auspowern lassen und übte daher mit ihnen Reaktionsspiele, Theaterprügeln und am Ende das Clownsspiel Chappa-chappa" ein. Aufgrund ihres eher mangelnden Körperbewußtseins und der motorischen Probleme einiger TeilnehmerInnen hatte ich ursprünglich große Bedenken, diese Spiele mit ihnen zu machen. Erstaunlicherweise funktionierten diese doch sehr komplizierten und auch nicht ungefährlichen Bewegungsabläufe absolut problemlos, und es machte der Gruppe sehr viel Spaß, sich zu prügeln". In der Pause kamen wir dann auf folgende Idee: Es gibt in der Kreisstadt Lauterbach einen Country-Club, der eine Patenschaft über das Wohnheim übernommen hat. Ende Juli würde das alljährliche Countryfest stattfinden (s.o.). Vom Prügeln im allgemeinen war es dann nicht weit zur Idee einer Saloonschlägerei, wie man sie aus den meisten Western kennt. Wir beschlossen, daß auf jeden Fall eine unserer Szenen eine solche Schlägerei beinhalten sollte, die wir dann nach Möglichkeit auf besagtem Countryfest aufführen wollten.
Nachdem auf diese Weise (endlich) eine Szene zumindest im Ansatz feststand, konzentrierte ich mich bei den nächsten Treffen auf deren mögliche Ausarbeitung und Konkretisierung: Wir improvisierten eine Saloonszene, sammelten Ideen für Prügelanlässe in einem Saloon, entwickelten westernspezifische Charaktere/Typen und dachten uns reihum im Kreis gemeinsam eine Wild-West-Geschichte aus. Daneben übten wir weiter die Prügeltechniken und das Chappa-chappa" ein.
Da diese Saloonszene aber nicht so richtig in unsere eigentliche Thematik passen wollte, wagte ich mich vor und schrieb, nachdem ich die Gruppe vorher um Erlaubnis gefragt hatte, innerhalb von zwei Wochen ein Wild-West-Stück (siehe Anhang). Dabei war ich bemüht, so viele Elemente wie möglich, die wir in der Gruppe entwickelt hatten, einschließlich der Ergebnisse aus unserer ersten Phase in diese Geschichte mit einzubauen. Außerdem mußte ich darauf achten, daß ich die TeilnehmerInnen mit ihren Rollen nicht überfordere, daß auch die mitspielen konnten, die nur selten zu den Proben kommen konnten, und daß die Rollen relativ gleichberechtigt sind. Die TeilnehmerInnen waren von meinem Stück so begeistert, daß sie mich dafür umarmten.
Glücklicherweise gefiel der Gruppe mein Stück nicht nur, sondern sie waren auch mit meiner Rollenbesetzung einverstanden. Die folgenden Treffen teilten sich jeweils klar in die Aufwärmphase und die konkrete szenische Probenarbeit auf. Während der Proben setzte ich die TeilnehmerInnen, die nicht in der Szene mitspielten, als Co-Regisseure ein. Meine Stückvorlage wurde so durch die Angebote der DarstellerInnen und die Inszenierungsideen der anderen ergänzt und verfeinert. Für die Rollenfindung waren themen- bzw. szenenbezogene Aufwärmübungen, Tierimprovisation in den jeweiligen Rollen und die Methode des inneren Monologs (bei uns mehr in Interviewform") hilfreich.
Allerdings waren die TeilnehmerInnen bemerkenswerterweise innerhalb eines festen Stücks und fester Rollen im allgemeinen in ihrem Spiel gehemmter als während der freien Improvisationen im Vorfeld.
Trotz einiger Schwierigkeiten verblüfften mich meine TeilnehmerInnen aber immer wieder aufs neue damit, daß sie in manchen Szenen sofort das umsetzen konnten, was ich ihnen vorgegeben hatte. Dadurch wurde mir klar, daß wir es tatsächlich schaffen würden, unser Stück auf die Bühne zu bringen.
An meinem Animationstermin im Wohnheim waren ein Großteil der BewohnerInnen anwesend. Ich wollte ungeachtet des Grades ihrer Behinderung jedem/jeder BewohnerIn die Möglichkeit geben, an dem Projekt teilzunehmen. Allerdings glaubte ich in etwa zu wissen, wen ich zur Teilnahme bewegen könnte und wen eher nicht. Auf diesem Treffen ermunterte ich jedeN einzelneN, erst einmal unverbindlich zum ersten offiziellen Termin zu kommen und sich das Theater" einfach mal anzuschauen. Zu diesem Termin kamen dann von den 17 BewohnerInnen sechs (Olaf, Annette, Thorsten, Ömer, Carmela und Johannes), eine weitere (Natascha) wollte sich nach gutem Zureden meinerseits die Arbeit auch einmal anschauen, hatte aber an diesem Samstag Wochenenddienst. Nach diesem Schnuppertermin sprangen zwei TeilnehmerInnen wieder ab. Bei Olaf wurde es mir schon während der Stunde deutlich, daß er überfordert war. Annette konnte ich mit einiger Überredungs- bzw. Überzeugungskunst doch wieder für das Projekt gewinnen. Ömer wollte unbedingt mitmachen, hatte aber die nächsten Wochen immer sehr wichtige Termine, die er nicht ausfallen lassen konnte bzw. wollte. Natascha vergaß" den nächsten Termin prompt und hatte eine Freundin zu sich eingeladen, so daß ich beim zweiten Treffen mit nur drei TeilnehmerInnen vorliebnehmen mußte. Beim nächsten Mal kam überraschend ein weiterer Teilnehmer dazu, der eigentlich einfach nur aus Langeweile im Bus mitgefahren war, der die anderen zur Probe transportierte, und dann auf den Vorschlag der Betreuerin hin gleich mit dabei blieb. Wiederum zwei Termine später gab es eine neue Überraschung: Als ich am Anfang der Ausbildung überlegt hatte, das Projekt in Hochwaldhausen zu machen, hatte ich sofort einen Heimbewohner vor Augen (Guido), den ich unbedingt dabei haben wollte. Später erfuhr ich dann aber, daß dieser in ein anderes Heim ca. 60 km entfernt verlegt worden war, weil er aufgrund seiner Krankheit der sehr lebhaften Gruppe im Haus am Hegholz" nicht mehr gewachsen war. Meine ehemalige Kollegin wußte, daß ich das bedauerte, und hatte auf gut Glück in diesem Wohnheim nachgefragt, ob Guido nicht an meinem Projekt teilnehmen könnte. Sie waren dann tatsächlich bereit dazu, Guido jedes Wochenende die lange Strecke zur Probe zu fahren, und er gehörte ab da dazu. So hatte ich am 15.05.1999 eine Gruppe von acht TeilnehmerInnen, die (relativ) verbindlich mitmachen wollten. Ömer tauchte allerdings wegen seiner vielen Verpflichtungen nicht mehr auf. Ich hatte aber seine Rolle bewußt sehr minimal konzipiert. Diese wurde dann von Wolfgang von sich aus übernommen, der aber erst zu den letzten Proben vor der Aufführung zu der Gruppe stieß. Ömer spielte am Ende doch noch eine kleine Rolle: das Pferd".
Annette (Hilfssheriff): Wie oben erwähnt, sprang A. gleich nach dem ersten Treffen erst einmal wieder ab. Sie hatte während der Phantasiereise Angst gekriegt und wollte das nicht noch einmal erleben. A. flüchtet sich aber auch gerne bei solchen Entscheidungen in psychosomatische Beschwerden oder macht andere TeilnehmerInnen für ihr Wegbleiben verantwortlich: Ich hatte während des Projektes mehrere Einzelgespräche mit ihr, in denen ich sie jedes Mal davon überzeugte, daß sie weiterhin mitmacht. Dabei erzählte sie mir abwechselnd von ihrem (in meinen Augen eingebildeten) Stotterproblem und den gemeinen Sachen, die andere wieder über sie erzählt hätten, was sie von der Teilnahme abhielte. Ich habe aber von Anfang an gemerkt, daß es ihr im Grunde genommen sehr viel Spaß macht, Theater zu spielen, und es ziemlich dumm von ihr wäre, sich das entgehen zu lassen.
Thorsten (Prediger): Th. war von Anfang an begeistert von der Idee, Theater zu spielen und verhielt sich auch dementsprechend.
Carmela (Sheriff): C. war die ganze Zeit über eine extrem engagierte und begeisterte Teilnehmerin. Sie kam zusammen mit ihrem Freund Johannes zu jedem Probetermin, arbeitete auch in der Woche in ihrer Freizeit freiwillig und unaufgefordert an unserem Theaterprojekt (sie malte Entwürfe für das Bühnenbild und dichtete einen mehrstrophigen Liedtext) und erstaunte mich immer wieder mit sehr guten Regieeinfällen, die ich größtenteils auch tatsächlich übernahm. Allerdings kam es durch sie oft zu kritischen Situationen innerhalb der Gruppe, weil sie sehr dominant auftrat und sich gerne als Co-Regisseurin" aufspielte.
Johannes (Zorro): J. machte einfach sehr gerne mit und hatte viel Spaß während des Projektes. Im Laufe der Zeit nahm seine starke Unsicherheit auf der Bühne ab. Er war aber oft auf eine seltsame Art verkopft"; er freute sich z.B. sehr, wenn ich in den Aufwärmspielen verrückte und alberne" Sachen gemacht habe, war aber selber nicht in der Lage, das gleiche zu tun. Bei ihm mußte ich bedenken, daß er nicht lesen und schreiben kann.
Natascha (Bardame): Wegen ihrer häufigen Wochenenddienste konnte N. nur selten an den Proben teilnehmen. Aber selbst wenn sie eigentlich frei hatte, gab es immer wieder Gründe, warum sie eigentlich nicht kommen wollte. Ich habe sie regelmäßig vor den Terminen noch einmal extra angerufen, um sie zum Kommen zu überreden. Sie war aber eine der deutlich talentiertesten SchauspielerInnen in der Gruppe: Ohne daß sie die vorbereitenden Übungen der ersten beiden Treffen mitgemacht hatte, beherrschte sie intuitiv Imaginationstechniken bis hin zur pantomimischen Darstellung, achtete auf Kleinigkeiten im Handlungsablauf und hatte in den Improvisationen keine Hemmungen, in Rollen zu schlüpfen. Allerdings war bei ihr die Angst, sich auf der Bühne vor den Leuten" zu blamieren, besonders groß.
Christian (Billy, der Erwachsene): Chr. ist Epileptiker, der auch häufig Anfälle bekommt, so auch während unserer Generalprobe. Während der Übungen und des Spiels auf der Bühne zeigte er eine überraschende Konzentration und eine körperliche Beweglichkeit, die weder ich noch meine ehemaligen KollegInnen bisher an ihm erlebt hatten. Von sich aus hätte er nicht an der Theatergruppe teilgenommen, aber er hatte sichtbar Spaß daran, nachdem er einmal dabei war.
Guido (Vampir): G. leidet unter einer Psychose, die medikamentös behandelt wird. Nachdem er zu unserer Gruppe zugestoßen war, mußte ich eine neue Pausenregelung einführen, weil klar war, daß er auch körperlich nicht so lange am Stück durchhalten konnte. So hatten wir dann anstelle einer langen Pause zwei kleinere. Trotz dieser Schwierigkeiten hat er für seine Verhältnisse enorm viel geleistet, eine hohe Konzentration und viel Spiellust gezeigt. In seiner Rolle als Vampir ist er völlig aufgegangen.
Wolfgang (Barkeeper): W. ließ mir schon vor dem Animationstreffen von seiner Freundin Annette ausrichten, daß Theaterspielen nichts für ihn wäre. Er wollte es sich noch nicht einmal angucken kommen. Als dann aber klar war, daß Ömer an unseren Aufführungsterminen gar nicht da ist, bot W. von sich aus an, Ömers Rolle zu übernehmen. Es zeigte sich dann auch, daß er diese problemlos umsetzen konnte. W. ist auch Analphabet.
Ömer (Pferd): Ö. hätte gerne eine größere Rolle gespielt, war aber nie da.
Zu Anfang mußte ich mit den Räumen des Jugendtreffs in Herbstein vorliebnehmen. Dieser Raum hatte viele Nachteile: Er war kalt und dunkel, nicht besonders groß und zudem noch zur Hälfte durch einen Billardtisch zugestellt, vieles an der Einrichtung verführte dazu, sich ablenken zu lassen, und ich mußte ihn jedes Mal von Tischen, Stühlen usw. freiräumen und am Schluß alles wieder zurückstellen. Auf der anderen Seite waren dort viele Materialien vorhanden, mit denen ich arbeiten konnte (eine Musikanlage, verschiedene CDs, bunte Tücher, Jonglierbälle und Einrichtungsgegenstände), die TeilnehmerInnen konnten sich in der Pause Kaffee kochen und Erfrischungsgetränke kaufen und sogar in einer längeren Pause eine Partie Billard spielen. Ich war vor allem froh, erst einmal diesen Raum zu haben, um das Theaterprojekt auch räumlich deutlich vom Heimalltag zu trennen und den TeilnehmerInnen dadurch das Gefühl zu geben, etwas ganz anderes in einer halbwegs neuen Atmosphäre und Gruppenkonstellation zu machen.
Trotzdem bemühte ich mich weiter um andere Räumlichkeiten, die besser geeignet waren, und konnte zum Glück immerhin für vier Termine den Pfarrsaal in Hochwaldhausen-Ilbeshausen bekommen. Dieser war sehr schön: groß, hell, freundlich und sparsam eingerichtet.
Für die letzten Proben nutzte ich dann doch den Eßsaal im Wohnheim, zum einen weil der Jugendtreff in dieser Phase nicht mehr ausreichte, aber auch weil ich hoffte, daß es mir dort leichter fällt, doch einmal alle TeilnehmerInnen zu den Proben heranzuholen. Außerdem sollte immerhin eine Aufführung im Wohnheim stattfinden, und die TeilnehmerInnen sollten sich schon einmal an den Ort gewöhnen. Mittlerweile hatte die Gruppe die Theaterregeln schon ziemlich internalisiert, so daß die Proben im Wohnheim trotz einiger kleiner Störungen von außen in konzentrierter Arbeitsatmosphäre abliefen.
Wie oben bereits erwähnt, liefen speziell die Terminabsprachen ziemlich chaotisch. Das lag auch an dem Wechsel der Proberäume und den damit manchmal verbundenen Terminänderungen bis hin zu Terminänderungen durch höhere Gewalt" (Sophie Starke hatte z.B. den Anschlußzug in Frankfurt nicht mehr bekommen, so daß wir diese Probe um eine Stunde verschieben mußten), was die Gruppe natürlich verunsicherte und zu Spannungen führte.
Nach etwa einem Monat stand unser auswärtiger" Aufführungstermin fest: am 01.08.1999 mittags auf dem Countryfest.
Durch die Planung und Organisation kam ich mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen in Kontakt, die mich im Verlauf des Projektes teilweise völlig von sich aus tatkräftig unterstützten:
Die Leiterin des Jugendtreffs in Herbstein stellte mir unentgeltlich den Proberaum zur Verfügung und lieh uns für die Aufführungen zwei Barhocker.
Der Vorsitzende vom Countryclub gab uns die Aufführungsmöglichkeit und besorgte Pappe für das Bühnenbild und Cowboykostüme.
Die Pfarrerin der evangelischen Gemeinde in Ilbeshausen stellte uns den Pfarrsaal als Proberaum zur Verfügung, versorgte uns bei einer Probe sogar mit Pfirsichbowle und druckte einen kurzen von mir verfaßten Artikel über unser Projekt im Gemeindebrief ab (siehe Anhang).
Die stellvertretende Leiterin des Wohnheims hatte meistens ein offenes Ohr für mich, warb Christian und Guido als neue Teilnehmer an, unterstützte mich so weit, wie sie konnte, bemühte sich um Requisiten und Kostüme und besorgte uns für das Sommerfest Scheinwerfer.
Ein Erzieher im Wohnheim malte mit den TeilnehmerInnen das Bühnenbild, ein anderer übte mit Carmela das Gitarrenstück ein.
Als das Stück feststand, war es meine Aufgabe, die Aufführungen zu planen und diese ganzen Hilfestellungen meiner freiwilligen HelferInnen zu koordinieren. Außerdem mußte ich einen Probenplan verfassen, die Programme erstellen (beides im Anhang), noch fehlende Kostüme, Requisiten und Tonträger besorgen, die Aufführungszeit und den -ort (Bühne) auf den beiden Festen klären u.v.a.m.
Es ist immer noch nicht entschieden, ob das Arbeitsamt die Fahrtkosten übernimmt, an Materialkosten entstanden mir 55,- DM zuzüglich Telefon- und Portokosten von etwa 100,- DM, die daher so hoch waren, weil ich unter der Woche alles von Köln aus organisieren mußte. Die Geldsammlung vom Publikum ergab insgesamt 434,45 DM, 164,38 DM auf dem Country- und 270,07 DM auf dem Sommerfest. Von diesem Betrag bekam ich meine Unkosten (ohne Fahrtkosten) erstattet. Von dem Restbetrag planen wir eine kleine Feier mit der Theatergruppe.
Die Aufführung auf dem Countryfest habe ich eigentlich eher als eine Art öffentliche Generalprobe gesehen, die eigentliche Premiere fand für mich auf dem Sommerfest statt. Am Ende handelte es sich aber doch um zwei gleichwertige Aufführungen. Weil die TeilnehmerInnen während der Aufführungen sowohl vor als auch hinter der Bühne alleine waren, ging vieles im Ablauf daneben. Ich habe dann in einer fiktiven Rolle in den Spielverlauf eingegriffen, so daß sich die DarstellerInnen sicher fühlen konnten und das Publikum kaum gestört wurde. Auf dem Sommerfest konnte ich verdunkeln und mit Einsatz von Licht arbeiten. Auf dem Countryfest gab es das Problem, daß die Akustik im Zelt so schlecht war, und die Leute ein- und ausgingen, während es auf dem Sommerfest sehr voll und eng war.
Abgesehen von diesen Schwierigkeiten waren beide Aufführungen ein voller Erfolg. Wir haben sogar mehrere weitere Angebote bekommen, wo wir noch einmal spielen könnten. Ich werde diese Angebote prüfen. Besonders beeindruckt waren die meisten von der darstellerischen Leistung der TeilnehmerInnen, der Besetzung und den choreografischen Elementen.
Ursprünglich hatte ich ja als Endprodukt eine Collage von Einzelszenen vor Augen, die unter einem Oberthema zusammengefaßt sein sollten. Mein Konzept, mit dem ich auf dieses Ziel hinarbeiten wollte, hat auch tatsächlich zu einem aufführbaren Ergebnis geführt. Allerdings ist dieses Ergebnis ganz anders ausgefallen, als ich es mir vorgestellt hatte - es wurde daraus ein zusammenhängendes absurdes Theaterstück mit festen Rollen, das weniger durch eine spezielle Thematik als vielmehr durch seine Protagonisten und den Ort der Handlung lebt. Ich finde es bemerkenswert, daß es zu diesem Ergebnis kam, obwohl ich mich in meiner Arbeit in eine ganz andere Richtung orientiert habe. Ich kann auch im Nachhinein nicht sagen, ob dieser Impuls auf ein neues Ziel hin mehr von der Gruppe oder von mir oder beiden kam - das Projekt hatte sich auf gewisse Weise verselbständigt, eine eigene Dynamik entwickelt.
Wegen der mir fehlenden theaterpädagogischen Praxiserfahrung und um meine Arbeit individuell auf meine spezielle Zielgruppe ausrichten zu können, bin ich in meiner Gesamtplanung am Anfang sehr offen geblieben. Dadurch hatten die ersten Treffen mit meiner Gruppe einen sehr experimentellen Charakter. Diese relative Freiheit konnte ich mir deswegen erlauben, weil ich durch meine langjährige Erfahrung mit den Mitgliedern dieser Gruppe davon ausgehen konnte, daß ich von vornherein eine große Sensibilität für die Befindlichkeit der einzelnen TeilnehmerInnen und auch die gruppendynamischen Prozesse mitbringe. Diese Ausgangsüberlegungen erwiesen sich im Verlauf des Projektes als richtig: Ich bekam immer mit, ob einzelne oder die Gruppe mit dem zurechtkamen, was ich ihnen anbot, ob sie verstanden hatten, was ich von ihnen wollte; ich konnte oft spontan neu auf die Befindlichkeit der Gruppe eingehen; ich nahm die Spannungen zwischen einzelnen TeilnehmerInnen wahr und konnte diese in der Regel in eine positive Richtung lenken und die TeilnehmerInnen hatten ein wahrnehmbares Grundvertrauen in mich und meine Gruppenleitung und damit auch keine größeren Hemmungen, sich bei Problemen in der Gruppe an mich zu wenden.
Abgesehen von Vertrauensübungen und nach meiner ersten Stunde Phantasiereisen habe ich der Gruppe im Laufe des Projektes alle Arten von Spielen und (Improvisations-) Übungen angeboten. Mit allen Übungen, in denen sie relativ frei agieren sollten wie z.B. dem klassischen Gehen durch den Raum", hatten sie anfangs auch mit Stops oder in vorgegebenen Rollen eher Schwierigkeiten, wobei sie nach und nach immer besser damit umgehen konnten, während ihnen Spiele mit festen Regeln und damit mit klarem Rahmen sofort leicht fielen und Spaß machten. Auf Körperarbeit haben sie sich eingelassen; allerdings war diese für sie sichtlich ungewohnt, und sie fühlten sich eher unsicher. Daraufhin habe ich diese nur sparsam eingesetzt, wollte sie aber nicht ganz aus dem Repertoire streichen, da ich sie speziell für diese Zielgruppe in der Theaterarbeit sehr wichtig finde.
Zwischenzeitlich konnte ich es kaum glauben, daß mir wie oben beschrieben so viele Menschen, die ich teilweise überhaupt nicht kannte, neue Möglichkeiten eröffneten und/oder organisatorische Aufgaben für mich übernahmen. Auf der anderen Seite habe ich das wohl auch meiner Hartnäckigkeit und meinen konkreten Anliegen zu verdanken, durch die ich mit diesen Leuten in Kontakt getreten bin. Zu Beginn des Projektes hatte ich außer den anfangs genannten Punkten überhaupt keine Vorstellungen, wie die Organisation vonstatten gehen soll. Ähnlich wie bei der Produktion hat sich dieser Bereich erst durch den Arbeitsprozeß entwickelt.
Am Anfang war ich mir nicht sicher, wie meine TeilnehmerInnen, die mich seit Jahren in einer ganz anderen Funktion kannten, auf meine neue Rolle reagieren und ob sie diese akzeptieren und mich nicht in erster Linie als Erzieherin sehen würden. Meine Verwandlung" funktionierte aber zumindest während der konkreten Arbeit erstaunlich gut. Ich trat ihnen gegenüber aber auch ganz bewußt als Gruppenleiterin auf; gleichzeitig beteiligte ich mich zum Zweck der Animation an den meisten Spielen und Übungen, so daß sie mich auch spielerisch neu erlebten. Ich hatte den Eindruck, daß sie mich als Gruppenleiterin vollkommen akzeptierten; sie befolgten beispielsweise meine Anordnungen fast immer widerspruchslos, selbst wenn ich Übungen anleitete, die ihnen nicht behagten, oder ihnen untersagte, in einem Raum, in dem normalerweise geraucht werden durfte, während der Proben zu rauchen.
So war ich die ganze Zeit bemüht, diese Rolle, die von mir erwartet wurde, nicht anzunehmen: Auch um mich selbst immer wieder daran zu erinnern, betonte ich bei solchen Gelegenheiten, daß ich keine Erzieherin wäre, sondern ausschließlich mit meiner Gruppe Theater machen wollte. Ich ließ auch nicht zu, daß Streitigkeiten untereinander und Auseinandersetzungen meiner TeilnehmerInnen mit den ErzieherInnen oder BewohnerInnen, die nicht zu unserer Gruppe gehörten, in unsere Arbeit hineingetragen wurden, selbst wenn sie etwas mit unserem Theaterprojekt zu tun hatten.
Trotz dieser Unsicherheit, die mir manchmal zu schaffen machte, war ich aber unter den gegebenen Umständen sehr zufrieden damit, wie weit ich es immerhin geschafft hatte, meinen TeilnehmerInnen zu vermitteln, was in der Theaterarbeit die Funktion einer Gruppenleitung und Regie ausmacht und inwieweit sie notwendig ist, damit eine Gruppe zu ihrem Ziel gelangt.
Ich hätte mir nicht vorstellen können, daß wir ein richtiges" kleines Theaterstück in der Gruppe erarbeiten würden, und war davon äußerst positiv überrascht. Besonders faszinierend fand ich es, den Entwicklungsprozeß dorthin nicht nur beobachten, sondern auch steuern zu können. Ich hatte den Eindruck, daß meine Gruppe und ich uns dabei gut ergänzt haben: In der Regel kamen von meinen TeilnehmerInnen die spontanen Ideen, Anregungen und schauspielerischen Angebote, die ich dann aufgenommen und ihnen dann einen Rahmen gegeben habe. So hatte am Ende jedeR von uns etwas zur Entstehung des Stückes beigetragen und jedeR konnte seine Arbeit darin wiederfinden und sich mit ihm identifizieren. Das war vermutlich auch der Grund, warum meine TeilnehmerInnen so begeistert waren, als ich ihnen das fertige Stück präsentiert habe.
Bei der Umsetzung des Stückes verschob sich diese Arbeitsteilung allerdings: Abgesehen von Carmela waren die TeilnehmerInnen in dieser Phase sehr zurückhaltend, was das Einbringen eigener Ideen bezüglich der Inszenierung anbelangt. Nur Carmela tat sich dadurch hervor, daß sie sehr viele gute Regieideen hatte, die mir oft so gefielen, daß ich sie ohne nennenswerte Änderungen übernommen habe. Gegen Ende mußte ich sie regelrecht bremsen, weil ihre Ideen zeitlich nicht mehr umzusetzen waren.
Für alle TeilnehmerInnen einschließlich Carmela galt aber, daß sie in dieser Phase auf der Bühne keine freien schauspielerischen Angebote mehr machten, sondern sich nur noch an meinen Regieanweisungen orientierten. So muß ich im Nachhinein sagen, daß die Umsetzung des Stückes, die Inszenierung, abgesehen von Carmelas Ideen hauptsächlich von mir ausging.
Da es den TeilnehmerInnen sehr schwer fiel, Gefühle auf der Bühne darzustellen, habe ich oft zu Inszenierungstricks greifen müssen. Dabei wurde aus der Not eine Tugend: Das Bühnengeschehen wurde dadurch deutlich abwechslungsreicher und spannender, als wenn ich an meiner ursprünglichen Vorstellung festgehalten hätte, auch wenn diese schauspielerisch perfekt umgesetzt worden wäre. Das möchte ich an zwei Beispielen erläutern:
1. Verliebt sein: Es war mir sehr wichtig, die Romanze zwischen der Bardame und Zorro darzustellen, vor allem in der Eifersuchtsszene, in der die Bardame nach langem Warten endlich ihren strahlenden Helden wieder in die Arme schließen kann. Außerdem brauchte der Sheriff ja auch einen sichtbaren Grund, um eifersüchtig zu reagieren. Trotz vieler Versuche und dem wirklichen Bemühen meiner DarstellerInnen war aber nichts von dieser Atmosphäre zu spüren. Daraufhin setzte ich My heart will go on" von Celine Dion ein und ließ Zorro und die Bardame sich zu der Musik nach dem Magnetprinzip sich tänzerisch anziehen und dann wieder abstoßen, ehe es zu einer wirklichen Berührung kommt - und plötzlich war die Situation, der Plot auf der Bühne klar, und es machte Spaß zuzuschauen.
2. Angst: Die Darstellerin des Hilfssheriffs kannte dieses Gefühl sehr gut und war vermutlich aus diesem Grund nicht dazu zu bewegen, sich spielerisch in ihrer Rolle darauf einzulassen. Da dadurch die Verfolgungsjagd in der Prärie durch den Vampir sehr unspektakulär verlief, hatte ich die Idee, daß die Verfolgung auch durch den Publikumsraum hindurch gehen sollte, damit das Publikum die Bedrohung hautnah zu spüren bekam. Durch diese Aufhebung der vierten Wand" wurde ein weiteres überraschendes Element eingeführt.
Zu guter Letzt hatte ich auch mein Ziel erreicht, eine Aufführung außerhalb der GSR zu geben, nämlich auf dem Countryfest.
Gerade weil ich meine TeilnehmerInnen so gut kannte, war ich von ihren Leistungen in unserer Arbeit unglaublich beeindruckt: Annette konnte sich trotz ihrer Schwierigkeiten mit den anderen TeilnehmerInnen, vor allem mit Carmela, auf eine längerfristige Arbeit innerhalb dieser Gruppe einlassen, Thorsten war bereit, seine für ihn kostbaren Wochenenden in seiner ehemaligen Wohngruppe in Fulda zu opfern, Carmela war sehr engagiert und kreativ und zeigte ein erstaunliches Regietalent, Johannes begriff den Sinn der Aufwärmübungen und ihren Zusammenhang mit dem Stück und konnte sich sehr gut Text merken, Natascha beherrschte intuitiv wichtige Improvisationsregeln und überwand mutig ihre Angst, sich vor Publikum zu blamieren, Christian zeigte plötzlich, daß er körperlich beweglich ist, Guido entwickelte ein für seine Verhältnisse enormes Konzentrations- und Durchhaltevermögen und war unser bester Schauspieler, und Wolfgang traute sich überhaupt, Theater zu spielen. Und das waren nur" die Dinge, die mir bei den Personen am stärksten auffielen.
Daß meine TeilnehmerInnen bei unserer Arbeit viel Spaß hatten, sehr bald ihre Spiellust (wieder-) entdeckten und in der Lage waren, ihre Phantasie kreativ einzusetzen, konnte ich in unserer Arbeit deutlich sehen und spüren. Außerdem kamen im Laufe des Projektes alle unabhängig voneinander auf mich zu, um mir zu sagen, daß sie sehr viel Spaß dabei hätten, mit mir Theater zu machen. Sichtbarer Beweis für ihre Freude am Theaterspiel ist ja auch, daß wir zu einem Ergebnis gekommen sind, hinter dem auch noch alle TeilnehmerInnen stehen konnten.
In den ersten beiden Phasen unserer Arbeit hatte es für mich auch den Anschein, daß sich die TeilnehmerInnen zu einer Gruppe zusammengefunden hatten, in der eine konstruktive gemeinsame Arbeit möglich ist. Zwischenzeitlich herrschte sogar eine sehr harmonische und partnerschaftliche Atmosphäre in der Gruppe, in der ich tatsächlich das Gefühl hatte, daß die TeilnehmerInnen begannen, sich gegenseitig anders zu erleben und wahrzunehmen. In der Endphase gab es dann allerdings viele Streitereien untereinander bis hin zu richtiggehenden Intrigen, die hinter meinem Rücken in der theaterfreien Zeit im Wohnheim abliefen. Die treibende Kraft war in den meisten Fällen Carmela, die über die anderen bestimmen wollte und sogar zwei Mal versuchte, Thorsten, der sich nichts von ihr sagen ließ, aus der Gruppe zu ekeln. Für mich war es schwierig, mit dieser Situation umzugehen; ich bekam die Probleme meistens erst sehr spät mit, und außerdem hatte Carmela ihren Höhenflug ja unter anderem dadurch, daß sie so engagiert war und so viele gute Ideen hatte. Eine Erzieherin hatte das auch noch ungeschickterweise verstärkt, indem sie ihr scherzhaft sagte, wenn sie so ein Regietalent hätte, könnte sie vielleicht selber einmal Theater machen. Leider nahm Carmela diese Bemerkung sehr ernst und fühlte sich in ihrer Handlungsweise bestätigt. Ich war gegen Ende ständig damit beschäftigt, Carmela in ihre Grenzen zu weisen und die kleineren und größeren Katastrophen, die sie bei ihren MitspielerInnen angerichtet hatte, wieder zurechtzubiegen. Daß diese Probleme ausgerechnet in die für mich und die Gruppe besonders streßbeladene Phase kurz vor der Aufführung fielen, machte den Umgang mit ihnen nicht gerade leichter. Zwei Tage vor der Generalprobe wäre es beinahe dazu gekommen, daß ich das Projekt in dieser Form in erster Linie aus pädagogischen Gründen abgebrochen hätte: Wäre Thorsten bei seinem Entschluß geblieben, wegen Carmelas Intrigen gegen ihn nicht mehr mitzumachen, hätte ich es ihm und der Gruppe gegenüber nicht verantworten können, Carmela damit durchkommen zu lassen.
Der gesamten Gruppe fiel es auch schwer, andere durch ein positives Feedback in dem zu bestärken, was sie geleistet hatten, da sie doch eher dazu neigen, einander zu mißtrauen. Ich mußte sie jedes Mal zu diesem Feedback animieren und immer darauf achten, daß sie nicht nur negative Kritik äußerten und einander nicht als Person kritisierten. Wenn ich von einer Szene begeistert war und das auch deutlich zeigte, stimmten sie meistens ein, aber erst nachdem sie sich vergewissert hatten, daß ich wirklich begeistert war, was die jeweiligen SchauspielerInnen natürlich bemerkten. Daher bekamen sie in der Probenarbeit die Anerkennung und Wertschätzung in erster Linie von mir und weniger von der Gruppe. Nach den Aufführungen hatten sie aber ein deutlich engeres Verhältnis untereinander. Ihr Interesse bestand auch nicht mehr in ihren Streitereien, sondern in dem Stolz auf ihren gemeinsamen Erfolg.
Vor ein paar Jahren machte ich einen Besuch im Blaumeier-Atelier" in Bremen und war dort von den Möglichkeiten, Theater mit Behinderten zu machen, vollkommen fasziniert. Wenn ich an das Thema der letzten BUT-Tagung zurückdenke, ist diese Art von Theater für mich der Inbegriff von authentischem Theater, da die DarstellerInnen sichtbar Theater spielen, aber automatisch sehr viel von ihrer Persönlichkeit einbringen. Außerdem kann ich im Publikum ihre Spielfreude deutlich wahrnehmen. Unter anderem wegen dieser Erfahrung kam dann während der Ausbildung bei mir der Wunsch auf, selber mit Behinderten Theater zu machen. Da ich aber noch keine theaterpädagogische Praxiserfahrung hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich das mit einer so speziellen Zielgruppe könnte. Deswegen habe ich mir für mein Projektpraktikum diese Gruppe ausgesucht, die ich gut kenne. Wenn ich es mit dieser Gruppe nicht schaffen würde, müßte ich mir ein anderes zukünftiges Arbeitsfeld suchen.
Ich wurde durch dieses Projekt in meiner Vision für meine Zukunft bestärkt. Durch diese Erfahrung fühle ich mich jetzt kompetent, theaterpädagogische Arbeit mit Behinderten zu leisten. Als meine Abschlußarbeit schreibe ich gerade eine Konzeption einer Stelle für eine/-n Theaterpädagogen/-in in der GSR, mit der ich mich dort und, wenn sie dort kein Interesse haben, auch in anderen Behinderteneinrichtungen bewerben will.
Aus einigen Fehlern, die ich in meinem Projekt gemacht habe, habe ich für meine zukünftige Arbeit gelernt. Zum Beispiel würde ich künftig stärker darauf achten, daß niemand in der Gruppe die Gelegenheit bekommt, die anderen zu dominieren. Ich würde auch größeren Wert auf ein konstruktives Feedback durch die Gruppe legen. Außerdem würde ich nicht mehr in diesem Maße hinter meinen TeilnehmerInnen herlaufen, sondern mehr Eigenverantwortung und die bewußte Entscheidung für die Theaterarbeit einfordern. Zu guter Letzt lasse ich mich in jedem Fall für meine zukünftigen Projekte bezahlen.
Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich mir für mein Projektpraktikum viel zuviel vorgenommen und bin daher oft an meine Grenzen gestoßen. Auf der anderen Seite fand ich die Arbeit unglaublich spannend, und sie hat mir oft sehr viel Spaß gemacht. Trotz allem Streß bin ich froh, diese Erfahrung gemacht und das Projekt erfolgreich zu Ende gebracht zu haben, weil ich jetzt weiß, daß das ferne Ziel, was ich mir nach der Ausbildung gesteckt habe, tatsächlich für mich erstrebenswert und erreichbar ist.