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Freilich würden wir, wenn wir Könige wären,
Handeln wie Könige, aber indem wir wie Könige handelten
Würden wir anders handeln als wir."
Theaterspielen ist Kunst, ist Sich-Ausprobieren, ist das Schaffen von Neuem, ist Ausdruck, ist Darstellung, ist Transzendenz, ist Erfahrung und Erleben, ist Teamarbeit, ist Konzentration, ist Sich-Äußern, ist Gesehen-Werden, ist...
Diese Konzeption zielt darauf hin, den von den GSR betreuten Menschen einen Zugang zu dieser magischen Welt" und ihren Möglichkeiten zu verschaffen, und zwar unabhängig von Alter, Art und Schwere ihrer Behinderung. Theaterarbeit innerhalb der GSR soll grundsätzlich für alle BewohnerInnen angeboten werden, die Interesse am Theaterspielen haben. Die möglicherweise große Heterogenität einer solchen Gruppe ist hierbei erwünscht und dem kreativen Prozeß zuträglich. Ebenso sind aber auch relativ homogene Gruppen vorstellbar und sinnvoll. Wesentlich für die theaterpädagogische Arbeit ist einzig und allein die Lust am gemeinsamen Spiel in der Gruppe.
Die GSR bestehen seit über zehn Jahren. In dieser Zeit wurden sie zu einem der größten Unterbringungsträger in Hessen. In ihnen werden über 700 MitarbeiterInnen beschäftigt und mehr als 1000 behinderte Menschen betreut. Die Hauptverwaltung der GSR hat ihren Sitz in Schotten im Vogelsbergkreis. Den GSR steht ein umfassendes System dezentralisierter Wohneinrichtungen und Werkstätten für fast alle Altersstufen zur Verfügung, angefangen bei Kindern und Jugendlichen bis hin zu alten, pflegebedürftigen Menschen. Das Spektrum des betreuten Personenkreises reicht von Lernbehinderten bis hin zu geistig und seelisch schwerstbehinderten, von entwicklungsretardierten oder verhaltensauffälligen Jugendlichen bis zu seelisch Behinderten, Langzeitkranken und geriatrischen Pflegefällen.
Erklärtes Ziel der GSR ist, durch Aufmerksamkeit und empathische Sorge dem einzelnen behinderten Menschen ein Leben zu ermöglichen, das ihm individuelle Verantwortung und Freiheit, notwendige Förderung und Hilfestellung gewährleistet". Der Schwerpunkt liegt auf der Normalisierung durch Leben und Arbeiten". Dazu bieten die zu den GSR gehörenden Werkstätten für Behinderte (WfB) ein differenziertes Angebot an Arbeitsmöglichkeiten.
Die einzelnen Einrichtungen werden je nach Aufgabenstellung von pflegerischen oder sozialpädagogischen Fachkräften selbständig geleitet. Die Angebotspalette der Wohnheime erstreckt sich von beschützenden Kleineinrichtungen mit intensivster Betreuung bis hin zum Wohnen in einer eigenen Wohnung mit nur noch geringer Betreuung.
Rechtliche Grundlagen für die Unterbringung und Beschäftigung der von den GSR betreuten Menschen sind in der Regel §39 BSHG in Verbindung mit §100 BSHG und §27 KJHG in Verbindung mit §34 KJHG wie auch §35a KJHG.
Die Leistungsangebote der GSR belaufen sich wie folgt: Arbeiten, wohnen, Versorgung, individuelle pädagogische Förderung, psychiatrische Nachsorge, Lebensqualität, Bewältigung individueller Lebenskrisen, Gestaltung von Beziehungen, Freizeitgestaltung und Animation.
Vorrangiges Ziel jeglicher auf Rehabilitation ausgerichteter Arbeit mit behinderten Menschen ist wie auch in den GSR die Normalisierung von Arbeit und Leben". Wenn man auch über die Begrifflichkeit streiten kann (Gibt es Normalität"? Wenn ja, wie ist diese definiert und was ist der Normalisierung" eines Menschen förderlich?), so haben wir doch alle in unserem Alltagsdenken ein individuelles Verständnis davon, was zu einem normalen" Leben dazugehört, einem Leben, das uns aus- und erfüllt. Wenn wir gemeinhin von Lebensqualität sprechen, die wir uns wünschen und die wir einfordern, zählen wir in der Regel folgende Faktoren dazu: eine befriedigende Arbeit, ein Wohn- und Lebensumfeld, in dem wir uns zu Hause fühlen und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben.
Für den kulturellen Bereich stellt sich die Frage, wer in unserer Gesellschaft Kulturträger ist und für wen Kultur gemacht wird. Dabei kann man feststellen, daß soziale Gruppen am Rande der Gesellschaft in der Regel von den etablierten Formen kulturellen Lebens ausgeschlossen und weder als RezipientInnen noch als aktiv Schaffende berücksichtigt werden. Im BROCKHAUS wird der Begriff Kultur wie folgt definiert:
1) Gesamtheit der Lebensäußerungen der menschlichen Gesellschaft in Sprache, Religion, Wissenschaft, Kunst u.a. 2) allg.: Pflege, Veredlung, Vervollkommnung vor allem der menschl. Gesittung, Lebensführung, und der Umwelt des Menschen ..."
Ausdrücklich ist hier von der Gesamtheit der Lebensäußerungen der menschlichen Gesellschaft" die Rede, die eine Beteiligung aller in einer Gesellschaft lebenden Menschen voraussetzt. Ohne die Möglichkeit der aktiven Teilnahme behinderter Menschen am kulturellen Leben in unserer Gesellschaft verwehren wir ihnen zum einen ihr Recht auf eine kreative Ausdrucksmöglichkeit in der Öffentlichkeit, zum anderen beschneiden wir uns alle in unserer kulturellen Vielfalt, in einem offenen, lebendigen und umfassenden kulturellen Leben.
Theater ist als darstellende Kunst ein Teil der Kultur. Kunst ist offen und zweckfrei. Sie lebt von Neuem und Ungewohntem und bietet kreativen Menschen die Möglichkeit, sich auf unterschiedlichste Weise auszudrücken. Dabei sind künstlerische Begabung und Kreativität unabhängig von Alter, Herkunft, Schulbildung oder Intelligenz. Wenn ein Mensch künstlerisch tätig ist, schafft er selbst ein Stück Kultur. In welchem Maß und auf welchem Gebiet ein Mensch Talente entwickelt, ist individuell verschieden, abhängig von Veranlagung und gesellschaftlichen Bedingungen." Theaterarbeit ist damit als eine Möglichkeit kultureller Partizipation behinderter Menschen zu sehen.
Die Beschränkung, sich aus irgendeinem Grund nicht mit den üblichen Kommunikationsmitteln ausreichend ausdrücken zu können,liegt am Ursprung jedes künstlerischen Schaffens."
Gerade geistig behinderte Menschen haben in unserer Gesellschaft Schwierigkeiten, sich selbst, ihr Erleben und ihre Empfindungen anderen mitzuteilen, da sie Sprache als üblichste Kommunikationsform oft nur unzureichend oder gar nicht beherrschen. Statt dessen benützen sie vermehrt andere nonverbale Kommunikationsformen wie Mimik, Gestik, Blickkontakt, Ausdruckslaut, Körperkontakt usw. Theaterspiel ist ein Medium, in dem vor allem diese Ausdrucksformen eine große Rolle spielen. Die Sprache kann ebenfalls eingesetzt werden, aber man kann sie auf ein Minimum reduzieren oder sogar ganz auf sie verzichten. Die theaterpädagogische Arbeit mit geistig behinderten Menschen (und nicht nur bei dieser Zielgruppe) setzt bei den vorhandenen Fähigkeiten der SchauspielerInnen an: jede/-r einzelne kann und soll sich mit seinen Stärken und Eigenarten in den schöpferischen Prozeß mit einbringen. So gilt es beispielsweise die mimische Ausdruckskraft eines Menschen zu trainieren, damit diese zielgerichtet eingesetzt werden kann. Kreativität ist ... nicht ausschließlich ein Veranlagungsgeschenk, sondern ein geistiges Verhalten, das qualitativ entwickelt werden kann und selbst bei besonders Veranlagten quantitativ entwickelt werden muß." Das Medium Theater bietet bei kompetenter Anleitung (geistig behinderten wie auch anderen Menschen) ein großes Spektrum an Möglichkeiten, sich selbst zu erfahren und seine eigene Sicht der Welt vor einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit auszudrücken und mitzuteilen.
Theater ist eine Kunstform, die von dem lebendigen Dialog zwischen Darstellenden und Publikum lebt und immer nur im Augenblick, in der Gegenwart stattfindet. SchauspielerInnen und ZuschauerInnen schließen in der Aufführung eine stillschweigende Übereinkunft, sich an bestimmte unausgesprochene Regeln des Theaterspiels zu halten. Beide Seiten wissen, daß ihr jetziges Zusammentreffen einmalig und unwiederholbar ist. Aus diesem Grund ist eine Aufführung sowohl für die SchauspielerInnen als auch für die ZuschauerInnen ein überaus sinnliches Erlebnis, das von beiden Seiten als sehr intensiv erfahren wird. Durch diese gegenseitige Abhängigkeit entsteht eine Nähe zwischen Kunstschaffenden und Rezipienten, die in keiner anderen Kunstform so unmittelbar erfahren werden kann. Wird diese Kunst von geistig behinderten Menschen ausgeübt, so ermöglichen sie uns Nichtbehinderten" einen Einblick in eine scheinbar fremde Welt, die uns in der Regel verschlossen bleibt. So kann Theater maßgeblich zu einer wirklichen Integration von geistig behinderten Menschen beitragen: Wir lernen ihre Gedanken, Gefühle, Ängste und Wünsche kennen und entdecken möglicherweise Ausdrucksmöglichkeiten, die wir selbst noch nicht gefunden haben. Dadurch lernen wir, Menschen mit einer geistigen Behinderung als wertvollen, kulturschaffenden Teil unserer Gesellschaft anzuerkennen.
Theaterspielen ist ein sinnhafter Vorgang, der aus den Gefühlen, dem Geist, den Körpern, den Stimmen der Spieler entsteht, mit dem Raum, mit der Zeit, mit der Bewegung zu tun hat.
Aus diesen zusammenwirkenden Möglichkeiten und Gegebenheiten formt sich ein Geschehen, das als Text, als Idee vorgegeben war oder spontan entsteht."
Medium des/der Schauspieler/-in ist in erster Linie das eigene Selbst und der eigene Körper, mittels deren er/sie sich vor einem Publikum präsentiert. Innerhalb des theaterpädagogischen Arbeitsprozesses werden diese Ausdrucksmöglichkeiten, die jeden Aspekt der Persönlichkeit eines Menschen mit einbeziehen, durch gezielte Übungen gefördert und trainiert. Durch das sinnliche Erleben und die so gewonnenen Erfahrungen der TeilnehmerInnen können individuelle Erkenntnisprozesse in Gang gesetzt werden, die gegebenenfalls Auswirkungen auf ihr Leben außerhalb der Theaterarbeit haben. Es handelt sich hierbei um physische, psychische und soziale Kompetenzen, die durch die Theaterarbeit gefördert werden. Durch die ständige Verknüpfung dieser Ebenen zielt die theaterpädagogische Arbeit auf die Ganzheit des Menschen.
Der/die SchauspielerIn nutzt seinen/ihren Körper als Mittel des künstlerisch-kreativen Ausdrucks. Dazu ist es erforderlich, diesen mit seinen Möglichkeiten und Funktionen kennenzulernen und neu zu erleben. Körpertraining als bewußtes Üben unserer körperlichen Funktionen, um die Basis unserer Spielmöglichkeiten zu verbessern - Bewegungsgestaltung als bewußt gestalteter Ausdruck unserer körperlichen Bewegungen sind wesentliche Voraussetzungen unserer Spielfähigkeit. Sie bedingen einander, und sollten die Grundlage des darstellenden Spiels sein." Bei diesem Körpertraining geht es primär nicht um sportliche oder akrobatische Leistungen, sondern um das Bewußtmachen und die Wahrnehmung dessen, was ich mit meinem Körper machen kann, wie ich ihn einsetzen und was ich durch ihn ausdrücken kann. Ziel dieser Arbeit ist eine Steigerung des Körperbewußtseins der SchauspielerInnen. Bei regelmäßigem Körpertraining kann es langfristig auch zu einer Steigerung des körperlichen Wohlbefindens und der Fitneß kommen.
Gerade bei geistig behinderten Menschen mit zusätzlichen körperlichen Beeinträchtigungen kann ein vorsichtiges und gezieltes Körpertraining dazu führen, daß sie ihren Körper trotz seiner Defekte als funktionierende Einheit entdecken und erfahren. So kann vielleicht sogar ein positiv geprägtes Selbstbewußtsein erlangt werden, denn Selbst-Erfahrung ist die Voraussetzung des Selbst-Bewußtseins."
Zur Körperarbeit in diesem Sinne gehören Übungen der folgenden Bereiche:
In unserer vorwiegend materialistisch eingestellten und verkopften Gesellschaft wird dem sinnlichen Erleben keine große Bedeutung mehr beigemessen. Ein/-e SchauspielerIn muß die Bühne und das Geschehen auf der Bühne aber mit allen Sinnen wahrnehmen. Dies ist für das Theaterspiel ist unabdingbar, da die DarstellerInnen im Bemühen um ein glaubwürdiges und authentisches Spiel angemessen auf ihr Umfeld reagieren müssen. Durch ein intensives Training der Sinne (sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen) und von Imagination und Phantasie können wir dementsprechend auf der Bühne unsere Umwelt neu und intensiver erleben, das Spektrum unserer Wahrnehmung erweitern und im Spiel neue Handlungsmöglichkeiten ausprobieren.
Erfahrungen in der theaterpädagogischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen haben gezeigt, daß dieses spielerische Erleben von den TeilnehmerInnen als unmittelbares Erleben empfunden wird; sie weisen in der Regel sehr wenig Rollendistanz auf, was u.a. die Ursache dafür ist, daß ihr Spiel oft als sehr authentisch erlebt wird.
So müssen auch die Übungen in diesem Bereich bei der theaterpädagogischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen sehr achtsam und einfühlsam eingesetzt werden. Ziel ist eine vorsichtige Sensibilisierung der allgemeinen Wahrnehmung: Die ganze Welt liefert den Stoff für das Theater, und künstlerisches Wachstum entwickelt sich Hand in Hand mit dieser Erkenntnis und Selbsterkenntnis." In diesen Bereich fallen
In der Theaterarbeit ist die Kompetenz jedes/-r Einzelnen für das Zusammenwirken in der Gruppe gefragt, und gleichzeitig braucht jede/-r Einzelne die Gruppe zum Theaterspielen. Das gilt sowohl für den Zeitraum des Arbeitsprozesses als auch für das Endprodukt eines Projekts. Gerade LaienschauspielerInnen brauchen das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit, Verständnis, Vertrauen und Akzeptanz durch die Gruppe, um sich ausprobieren zu können. Dazu müssen alle TeilnehmerInnen einer Theatergruppe grundsätzlich bereit sein, sich auf eine solche Gruppe einzulassen. Die Spielleitung muß darauf achten, daß in den ersten Stunden eine angstfreie Atmosphäre in der Gruppe aufgebaut wird.
Geistig behinderte Menschen wissen, was es bedeutet, von anderen nicht respektiert und diskriminiert zu werden. So kann die Angst, sich auf der Bühne zu blamieren, ausgelacht zu werden, bei ihnen besonders stark ausgeprägt sein. Gerade für sie ist es daher wichtig, die Erfahrung zu machen, sich innerhalb der Gruppe (und dann auch öffentlich) angstfrei darstellen zu können bzw. zu dürfen, ein konstruktives Feedback zu bekommen und sich wahrnehmbar weiter zu entwickeln. Um diese Atmosphäre zu schaffen, werden
Als letzten auf keinen Fall zu vernachlässigenden Punkt der Persönlichkeitsentwicklung durch Theaterspielen möchte ich das Ergebnis, die offensichtliche und mindestens durch Applaus anerkannte Leistung der SchauspielerInnen anführen, die sie in ihrer Individualität bestätigen und ihr Selbstvertrauen festigen. Im Zur-Kenntnis-Nehmen, der Würdigung, der Präsentation und Darstellung seiner Werke erlebt der behinderte Künstler oder kreativ Tätige auch die Bedeutung, die seiner Person beigemessen wird, und aus der Achtung der Umwelt schöpft er einen Teil seiner Selbstachtung." An anderer Stelle gehe ich auf diesen Punkt noch ausführlicher ein.
In den GSR existiert zur Zeit bereits eine Theatergruppe, die sich aus stärker geistig behinderten BewohnerInnen zusammensetzt. Drei Pädagoginnen haben diese innerhalb ihrer regulären Arbeit (eine ist Leiterin der WfB, die anderen sind pädagogische Fachkräfte) aufgebaut. Mit der Gruppe wurde das Musical Tabaluga" inszeniert, das bereits zu mehreren Anlässen aufgeführt wurde (u.a. zur Kunsthandwerksmesse in Schotten/Vogelsbergkreis). Inspiriert zu dieser Art Theaterarbeit mit geistig behinderten Menschen und der Form der Inszenierung wurden die Leiterinnen durch einen Fernsehbericht über die Inszenierung des Faust" durch das Blaumeier-Atelier" in Bremen, deren Stilmittel sie teilweise übernahmen. So stellten zwei von den Leiterinnen in der Aufführung eine Erzähler- bzw. eine Animationsfigur dar, die den Rahmen für die Inszenierung bildeten. Außerdem wurden Halbmasken eingesetzt, es gab begleitende Live-Musik mit Gesang von einer Band, in der auch eine behinderte Frau mitspielte, und abgesehen vom Gesang und der Erzählfigur wurde ausschließlich mit nonverbalen Mitteln wie z.B. vielen tänzerischen Elementen gearbeitet. Demnächst wird auch eine Aufführung in Frankfurt am Main stattfinden.
Darüber hinaus haben einzelne Wohnheime und Sondergruppen für pflegebedürftige erwachsene Schwerstbehinderte im Rahmen einer Tagesförderung der GSR bei Bedarf oder regelmäßig schon Musik-, Kunst- und/oder TheaterpädagogInnen auf Honorarbasis beschäftigt.
Die GSR haben bereits Erfahrungen mit theaterpädagogischer Arbeit in unterschiedlichen Bereichen. Die Ergebnisse wurden zum Teil wie bei Tabaluga" öffentlich präsentiert, zum Teil handelte es sich um interne Workshops, die der allgemeinen Förderung der geistig behinderten Menschen dienten und deren Ergebnisse nicht unbedingt nach außen getragen wurden.
Die GSR suchen sowohl im Produktions- (Werkstätten) als auch im Dienstleistungsbereich (z.B. Vogelpark und mehrere Gastronomiebetriebe) und durch Projekte wie Tabaluga" jetzt auch im kulturellen Bereich den Kontakt und die Einbindung in die Strukturen des räumlichen und sozialen Lebensumfeldes. Dies geschieht primär im Vogelsbergkreis, aber auch darüber hinaus. Die theaterpädagogische Arbeit dient in diesem Zusammenhang nicht nur der individuellen Förderung und/oder als Angebot einer lust- und sinnvollen Freizeitgestaltung der geistig behinderten BewohnerInnen, sondern außerdem als ein Beitrag der GSR zum kulturellen Angebot im Vogelsbergkreis, das aufgrund der ländlichen Struktur der Region hauptsächlich durch Vereine und dörfliche Veranstaltungen abgedeckt wird. An dieser Stelle kommt der integrative Aspekt der theaterpädagogischen Arbeit zum Tragen: zum einen der GSR als einer der bedeutendsten Unterbringungsträger in Hessen und zum anderen ihrer geistig behinderten BewohnerInnen in ihr Lebensumfeld durch aktive Bereicherung der kulturellen Landschaft im Vogelsbergkreis.
Die Einbindung des/der Theaterpädagogen/-in in die Struktur der GSR hängt von der Art der Finanzierung ab. Zur Zeit kommen hierfür zwei Möglichkeiten in Frage:
Die räumlichen und verwaltungstechnischen Bedingungen hängen ebenfalls von der personellen Einbindung des/der Theaterpädagogen/-in ab. Im Falle der Angliederung an die Hauptverwaltung der GSR hat er/sie einen Arbeitsplatz im Bereich des medizinisch-psychologischen Dienstes mit der Möglichkeit der Nutzung von Telefon und Computer. Außerdem wird im Stadtgebiet Schotten ein für die theaterpädagogische Arbeit geeigneter Raum sowie eine Lagermöglichkeit für Materialien, Kostüme, Requisiten und Bühnenbild zur Verfügung gestellt, die beide ausschließlich für diesen Bereich genutzt werden.
Wenn der/die Theaterpädagoge/-in einer einzelnen Einrichtung bzw. einem Zusammenschluß mehrerer Einrichtungen unterstellt ist, so ist es Aufgabe der jeweiligen Einrichtungen, entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen und den Zugang zu den Verwaltungsinstrumenten der Einrichtung(en) zu gewährleisten.
Eine nach BAT IVb bezahlte volle Stelle für eine/-n Theaterpädagogen/-in kostet jährlich zwischen 80000,- DM und 90000,- DM an Personalkosten.
Hinzu kommen pro Jahr in etwa folgende Kosten:
Telefon 800,- DM
Schriftverkehr 400,- DM
Fahrtkosten 500,- DM
Materialkosten (Übungsmaterialien, Requisiten etc.) 500,-
DM
Druckkosten (Plakate, Programme, Dokumentation etc.) 600,- DM
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Summe 2800,- DM
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Es gibt u.a. folgende Möglichkeiten, diese Sachkosten zu finanzieren bzw. zu verringern:
Daran läßt sich erkennen, daß das Knüpfen von persönlichen Kontakten und Phantasie und Kreativität bei der Beschaffung von Materialien zu einer deutlichen Verringerung der Sachkosten führen können. Die anfänglichen Investitionen in die Öffentlichkeitsarbeit und eine professionelle Präsentation der Aufführungsstücke führen ebenfalls längerfristig zu einer Kosteneinsparung: z.B. wollen mehr Menschen die Aufführungen sehen, so daß mehr Eintrittsgelder eingenommen werden, Firmen haben bei steigendem Bekanntheitsgrad ein größeres Interesse am Sponsoring usw.
Es wurde bereits davon gesprochen, daß die Theaterarbeit der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen förderlich sein kann. Allerdings wurde dies als ein Nebenprodukt" der Theaterpädagogik bezeichnet, welches zwar durchaus erwünscht ist, aber nicht ihr eigentliches Ziel. Eigentliches Ziel ist das in der Gruppe gemeinsam schöpferisch und kreativ erarbeitete Endprodukt, das Kunstwerk: die öffentliche Aufführung. Die Grundlage und Basis einer Theatergruppe besteht in dem gemeinsamen Wunsch der TeilnehmerInnen, eben diese Theaterkunst zu erschaffen und zu präsentieren, dem Wunsch, sich künstlerisch-kreativ zu äußern. Dieses gemeinsame Ziel der Gruppe setzt in den einzelnen TeilnehmerInnen Energien frei und bereitet den Weg für Prozesse, die ohne den theaterpädagogischen Rahmen in einem anderen z.B. sozialpädagogischen Setting so nicht stattfinden könnten. Die Theaterpädagogik will kreatives Training und gestalterische Produktion. Ihre Beobachtung richtet sich nicht auf soziales Verhalten, sondern in erster Linie auf kreative Fähigkeiten, ihre Exploration befragt nicht einen privaten psychologischen Zustand, sondern die einzelne gestalterische Entwicklung."
Viele Theaterübungen bewegen sich im Grenzbereich zur Therapie und werden in ähnlicher Form zu therapeutischen Zwecken wie der Auflösung von Blockaden, deren Analyse und Heilung angewandt. Ebenso findet man in der theaterpädagogischen Arbeit Übungen, die den TeilnehmerInnen beispielsweise gruppendynamische Prozesse bewußt machen und die entsprechend auch in der sozialpädagogischen Arbeit Anwendung finden. Ähnliches gilt für die verschiedenen Spiele, die im allgemeinen in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden, sowie für Körperübungen und Entspannungstechniken, die ihren Urspung in so vielfältigen Bereichen wie Yoga, Tai Chi, Meditation und Gymnastik haben. Die Theaterpädagogik schöpft aus diesen Bereichen und stellt die einzelnen Übungen in einen neuen Zusammenhang. Indem der/die Theaterpädagoge/-in immer das eigentliche Ziel vor Augen behält und die einzelnen Übungen zielgerichtet einsetzt, sind diese in sich nicht mehr nur Selbstzweck, sondern Teil eines auf ein Endprodukt ausgerichteten Arbeitsprozesses.
Dabei muß aber auch beachtet werden, daß der künstlerisch schaffende Mensch sich immer auch selber in seinem Werk und durch sein Werk ausdrückt. Durch das künstlerische Wirken können allgemein therapeutische Prozesse ausgelöst werden, was im Grunde genommen ein positiver Nebeneffekt allen schöpferischen Schaffens schlechthin" ist. Dies gilt im besonderen für die Theaterkunst. Theaterprojekte sprechen Menschen auf emotionaler, sozialer, körperlicher, sprachlicher und kognitiver Ebene an und können, wie bereits erwähnt, einen bedeutenden Einfluß auf ihre Persönlichkeitsentwicklung nehmen. Trotzdem muß an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen werden, daß sich die Theaterpädagogik klar vom Psychodrama und Rollenspiel abgrenzt, die primär therapeutische oder didaktische Ziele verfolgen.
Ein Werk wird zum Kunst-Werk, wenn es als solches definiert wird. Diese Definition kann vom Künstler oder von anderen ausgehen. Die Frage, ob Kunst (Künstler) oder nicht, ist eine Frage der Sehgewohnheiten, des Kunstverständnisses und der Qualität, die durch Bewertungsmaßstäbe der Gesellschaft festgelegt wird." Dieses Verständnis von Kunst gilt es sowohl bei den geistig behinderten SchauspielerInnen als auch in der Öffentlichkeit zu unterstützen und zu fördern. In dem erklärten und nach außen vertretenen Willen, Theaterkunst zu schaffen, eröffnen sich einer Theatergruppe von geistig behinderter Menschen Freiräume, in denen sie auf lebendige und wahrscheinlich andere und neue Art zu unser aller kulturellem Leben beitragen können.
Die Aufgabe des/der Theaterpädagogen/-in besteht hierbei auf der einen Seite darin, die Spiellust und schöpferische Kreativität der geistig behinderten Menschen zu wecken, zu fordern und zu fördern und ihnen Selbst-Vertrauen in ihre eigene Schaffenskraft zu vermitteln. Im Gegensatz zu dem in unserer Gesellschaft geläufigen engen Verständnis des Therapie"-Begriffs (als Heilung von einer Krankheit bzw. der Beseitigung eines Defizits) setzt die Theaterpädagogik durch das Fördern von Kreativität an den vorhandenen Ressourcen an". Die andere wichtige Aufgabe besteht darin, die Öffentlichkeit auf diesen für die meisten unbekannten Bereich der Theaterkunst aufmerksam zu machen. Dies geschieht durch eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit (Werbung, Presse, Dokumentation etc.), durch einen dem Kunstwerk angemessenen Rahmen (professionelles Bühnenbild, Aufführungsort und Programmgestaltung) und durch die Forderung nach Eintrittsgeldern.
Es ist meiner Ansicht nach deutlich geworden, daß die theaterpädagogische Arbeit mit den BewohnerInnen der GSR auf die Förderung und Entfaltung ihrer künstlerisch-kreativen Ressourcen abzielt, und es sich nicht um eine Form sozialpädagogischer Arbeit mit kulturpädagogischen Mitteln handelt. Trotzdem besteht meines Erachtens durchaus die Möglichkeit, theaterpädagogische Arbeit auch im Rahmen der Tagesförderung für die Sondergruppe für pflegebedürftige erwachsene Schwerstbehinderte anzubieten, vorausgesetzt daß auch innerhalb dieser Struktur nach den oben genannten Grundsätzen und Zielen gearbeitet werden kann.
Es wäre in jedem Fall sinnvoll, die Theaterarbeit an feste Termine und Strukturen zu binden (beispielsweise im Anschluß an die Arbeit), um den TeilnehmerInnen ein Bewußtsein für die Ernsthaftigkeit ihrer künstlerischen Arbeit zu vermitteln.
Als einer der größten Unterbringungsträger in Hessen, wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung im Vogelsbergkreis und aufgrund ihres Auftrags der Integration der ihnen anvertrauten behinderten Menschen eben durch Normalisierung durch Arbeit und Leben" sollten die GSR auch ihren eigenen Beitrag zur Bereicherung des kulturellen Lebens leisten.
Willst du ein Schiff bauen, so rufe nicht die Menschen zusammen,
um Pläne zu machen, Arbeit zu verteilen, Werkzeuge zu holen und Holz zu
schlagen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen endlosen Meer."
- Antoine de Saint-Exupéry -
Dieser Satz des französischen Schriftstellers beschreibt meiner Ansicht nach sehr treffend die Aufgabe eines/-r Theaterpädagogen/-in: Zunächst gilt es, die Sehnsucht danach zu lehren, sich auf kreative Weise schöpferisch zu äußern und sich auszudrücken (das große endlose Meer"). Ist dieser Wunsch, diese Sehnsucht erst einmal geweckt, geht man daran, zu planen, das Handwerkszeug zu vermitteln, Aufgaben und Rollen zu verteilen, zu improvisieren und zu proben, um am Schluß ein gemeinsames Werk, ein Stück, zu präsentieren (das fertig gestellte Schiff). Und auch dieses Schiff" ist womöglich erst der Anfang einer großen Entdeckungsreise zu mir selbst und meiner Kreativität. Der/die Theaterpädagoge/-in leistet der Gruppe in diesem Prozeß kompetente Hilfestellung.
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