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Fachhochschule Fulda
Fachbereich Sozialwesen
Diplomarbeit
Thema: Schrankenloser Wahnsinn
Sozialpädagogische Ansätze bei der Arbeit mit psychisch Leidenden
in alternativ-psychiatrischen Institutionen
Schwerpunkt:
Psychosoziale Beratung und Gesundheitsförderung
Referent
Prof. Dr. Gert Gekeler
Koreferent
Wolfgang H. Lasch
|
vorgelegt von |
Maria Haddenbruch |
Inhalt
1. EINLEITUNG 1
2. DIE PSYCHIATRIE IM KREUZFEUER DER KRITIK 4
2.1. PSYCHISCHES LEIDEN IST EINE BIOLOGISCHE KRANKHEIT 4
2.1.1. Was wird unter "psychischer Krankheit" verstanden? Und wer ist dementsprechend "psychisch gesund"? 4
2.1.1.1. Gesundheit = Normalität? 4
2.1.1.2. Das Krankheitsverständnis der Psychiatrie 5
2.1.2. Wie wird psychisches Leiden von der Psychiatrie behandelt? 7
2.1.2.1. Die Pharmakotherapie 7
2.1.2.2. Der Elektroschock 9
2.1.2.3. Der Insulinschock 10
2.1.2.4. Die Psychochirurgie 10
2.1.2.5. Genforschung und Gentechnik 10
2.1.3. Gedanken über die Folgen des medizinisch-psychiatrischen "Krankheitsverständnisses" 11
2.1.3.1. Eingriffe in die Persönlichkeit der Betroffenen 11
2.1.3.2. Die künstliche Trennung von Körper und Seele 12
2.1.3.3. Die Stigmatisierung der Betroffenen 13
2.2. DIE BETROFFENEN BRAUCHEN STÄNDIGEN SCHUTZ, KONTROLLE UND EINE LEBENSLANGE UMFASSENDE VERSORGUNG 15
2.2.1. Herrschaftsverhältnisse innerhalb der Psychiatrie 15
2.2.1.1. Expertokratie 15
2.2.1.2. Hierarchie, Bürokratie und "Sachzwänge" 16
2.2.2. Das psychiatrische Krankenhaus 18
2.2.2.1. Das Leben in einer totalen Institution 18
2.2.2.2. Die psychischen Auswirkungen der Lebensbedingungen in der psychiatrischen
Anstalt auf die Betroffenen 19
2.2.3. Die Gemeinde- und Sozialpsychiatrie 20
2.2.3.1. Die Umhospitalisierung der sogenannten "chronisch psychisch Kranken"
20
2.2.3.2. Die "Psychiatrisierung" des Alltags 21
2.3. DIE BETROFFENEN WISSEN NICHT, WAS GUT FÜR SIE IST 23
2.3.1 Psychiatrische Zwangsmechanismen 23
2.3.1.1. Zwangseinweisungen 23
2.3.1.2. Zwangsbehandlung 24
2.3.1.3. Exkurs: Das "Psychiatrische Testament" 26
2.3.2. Die Zusammenarbeit psychiatrischer und psychosozialer Institutionen 28
2.3.2.1. Aktenführung und Weitergabe von Daten 28
2.3.2.2. Beginn einer psychiatrischen Karriere durch die Zusammenarbeit sozialpädagogischer
Institutionen mit der Psychiatrie am Beispiel der Jugendhilfe 2933
3. DREI BEISPIELE FÜR ALTERNATIV-PSYCHIATRISCHE PROJEKTE 31
3.1. EIN TREFFPUNKT FÜR VER-RÜCKTE UND ANDERE MENSCHEN31
3.1.1. Beschreibung des Projektes 31
3.1.1.1. Das psychsoziale Angebot des KommRum 31
3.1.1.2. Die Arbeitsstruktur und -situation im KommRum 34
3.1.1.3. Welche Menschen nehmen die Angebote des KommRum wahr? 36
3.1.2. Das "andere" Verständnis von psychischem Leiden und seine Auswirkungen auf die psychosoziale Arbeit des KommRum 37
3.1.2.1. Ver-rücktheit als menschliche Reaktion - der Zugang zum Phänomen
des psychischen Leidens im KommRum 38
3.1.2.2. Integrative und sozialpädagogische Ansätze des KommRum und
ihre Bedeutung für die Praxis 41
3.1.2.3. Das Verhältnis des KommRum zur Psychiatrielandschaft in Deutschland 44
3.1.3. Persönlicher Erfahrungsbericht 47
3.2. KÜNSTLERISCHE NARRENFREIHEIT 49
3.2.1. Von der Schließung des Klosters Blankenburg über die Protestaktion zum Kunstatelier 49
3.2.1.1. Die Auflösung des Klosters Blankenburg 49
3.2.1.2. Das Scheitern des Konzepts der "Initiative" 50
3.2.1.3. Eine Idee wird geboren 50
3.2.2. Die Beschreibung des Projektes 51
3.2.2.1. Die künstlerischen Angebote des "Blaumeier-Ateliers" 51
3.2.2.2. Die MitarbeiterInnen 52
3.2.2.3. Die TeilnehmerInnen 53
3.2.3. Irre Kunst ohne therapeutisch-diagnostischen Anspruch 54
3.2.3.1. Die alltägliche künstlerische Arbeit im "Blaumeier-Atelier" 54
3.2.3.2. Der künstlerische und psychosoziale Anspruch des "Blaumeier-Ateliers" 57
3.2.3.3. Die Einstellung des "Blaumeier-Ateliers" zur gängigen psychiatrischen
Versorgung 58
3.2.4. Eigener Erfahrungsbericht 59
3.3. DAS PRINZIP DES DABEISEINS 62
3.3.1. Das Experiment "Soteria" 62
3.3.1.1. Alltag und Organisation des Zusammenlebens in der Soteria 62
3.3.1.2. Das Soteria-Team 63
3.3.1.3. Die BewohnerInnen 64
3.3.2. Die Methode des Dabeiseins 65
3.3.2.1. Der Umgang der Soteria mit psychischem Leiden 66
3.3.2.2. Die Begleitung der BewohnerInnen in der akuten Krise 67
3.3.2.3. Die Phase der Integration in die Gemeinschaft der Soteria und der Übergang
in die Welt "draußen" 69
3.3.3. Erfahrungen mit der Soteria 70
3.3.3.1. ... von Außenstehenden 70
3.3.3.2. ... von MitarbeiterInnen 71
3.3.3.3. ... von BewohnerInnen 71
4. PSYCHOSOZIALE VERSORGUNG IM INTERESSE DER BETROFFENEN - "ANTEILNAHME" ANSTELLE VON "HILFE" 73
4.1. BETROFFENEN-INITIATIVE(N) 73
4.1.1. Wirkliche Hilfen im Zustand von Ver-rücktheit aus der Sicht der Betroffenen 74
4.1.1.1. Selbst-Hilfe 74
4.1.1.2. Fremd-Hilfe 76
4.1.1.3. Gegenseitige Hilfe 79
4.1.2. Betroffenen-Organisationen 80
4.1.2.1. "Verhandeln statt Behandeln" - für mehr Rechte in der Psychiatrie 80
4.1.2.2. "Die Psychiatrie gehört abgeschafft!" - Antipsychiatrische Selbsthilfeorganisationen 82
4.1.2.3. Möglichkeiten und Grenzen von Betroffenen-Organisationen 85
4.2. KOMMRUM, BLAUMEIER-ATELIER UND SOTERIA - BEISPIELE FÜR "NUTZER"-ORIENTIERTE PROJEKTE? 87
4.2.1. Die Einstellungen der Institutionen zum medizinischen Krankheitsmodell 87
4.2.1.1. Findet in diesen Einrichtungen eine psychiatrische Etikettierung statt? 87
4.2.1.2. Alternative Erklärungsmodelle in den Institutionen für Ver-rücktheit 89
4.2.2. Der Umgang mit Ver-rücktheit in den vorgestellten Institutionen 91
4.2.2.1. Die Anwendung medizinisch-psychiatrischer Therapiemethoden 92
4.2.2.2. Eigene Therapiekonzepte 94
4.2.3. Selbstbestimmte Nutzung der Institutionen durch die Betroffenen 96
4.2.3.1. Mitbestimmung und Mitgestaltung der Betroffenen 96
4.2.3.2. Freiwilligkeit und freie Auswahl zwischen den Angeboten 97
4.2.3.3. Der Schutz der persönlichen Daten der Betroffenen 99
4.2.3.4. Die Rolle der ExpertInnen 99
4.2.4. Zusammenfassung 100
5. RESÜMEE: AUFGABEN DER SOZIALPÄDAGOGIK IM PSYCHOSOZIALEN ARBEITSFELD 103
ANHANG: 105
I. Antrag der Fraktion der GRÜNEN im oberbayerischen Bezirkstag im November
1988: 105
III. Wochenprogramm des KommRum 110
IV. Wochenprogramm des "Blaumeier-Ateliers" vom zweiten Halbjahr 1995: 112
Literaturverzeichnis: 113
"In der Bundesrepublik Deutschland leben heute rund 60 Millionen Menschen.
Diese Zahlen sind in einer Informationsbroschüre der "Aktion Psychisch Kranke e. V." über psychische Störungen und Krankheiten zu lesen.
Verrücktheit, Wahnsinn und Verzweiflung sind demnach keine Randerscheinungen, sondern gehören zu unserem Alltag. Wir versuchen aber, diese Tatsache zu verdrängen, indem wir vor ver-rückten Menschen kapitulieren und die Institution Psychiatrie für ihre "Heilung" zuständig machen. In den Medien wird zudem ein Bild von Ver-rücktheit konstruiert, daß unsere Angst vor diesem Anders-Sein noch verstärkt: Regelmäßig erscheinen Berichte über "geistesgestörte" Menschen, die auf bestialische Weise morden, wie z. B. in der kürzlich im "Stern" erschienenen Reportage über einen Psychiatrie-Patienten, der auf einem seiner Ausgänge ein sieben Jahre altes Mädchen vergewaltigte und erstach. Sogenannte "Psychopathen" verüben Attentate auf Personen des öffentlichen Lebens. Jüngste Beispiele hierfür sind die Anschläge auf Oscar Lafontaine und Wolfgang Schäuble oder auf die Tennisspielerin Monica Seles. "Geistesgestörtheit" bietet eine Erklärung für unerklärliche Verbrechen. So werden die TäterInnen von der Öffentlichkeit schnell als "psychisch krank" abgestempelt, oft schon bevor von ExpertInnen ein psychiatrisches Gutachten über sie verfaßt wurde.
Auch im alltäglichen Sprachgebrauch wird deutlich, daß wir alles Unverständliche, Unerklärliche unter dem Etikett "verrückt" abtun: "Der hat sie ja nicht mehr alle!"; "Du tickst nicht mehr richtig!"; "Das ist ja verrückt!". Mit ver-rückten Dingen muß man sich nicht befassen, sie sind von vornherein "ohne Sinn und Verstand". So werden in unserer Gesellschaft auch die ver-rückten Menschen und ihr Verhalten verdrängt - sie werden in psychiatrische Kliniken eingewiesen, ihre ver-rückten Symptome durch Medikamente unterdrückt etc.
Auf der anderen Seite benutzen wir auch Synonyme für Ver-rücktheit, um extreme Gefühle auszudrücken: "Der pure Wahnsinn!"; "Sie ist irrsinnig schön."; "Einfach irre!"; "Toll!"; "Ich bin verrückt nach dir." ... Viele Menschen versuchen z. B. durch Meditation, Alkohol und andere Drogen, in eine andere Wirklichkeit abzutauchen, Grenzerfahrungen zu machen, was wiederum zeigt, wie faszinierend Wahn und Wahnsinn für uns sein können.
Es stellt sich die Frage: Wer bzw. was ist ver-rückt? Diese Frage ist anscheinend nicht so einfach zu beantworten: Vor kurzem ging der Fall des Peter Löser durch die Medien. Ihm wurden vom Marburger Landgericht mit einer halben Million Mark das höchste Schmerzensgeld zugesprochen, das je in Deutschland eine Einzelperson erhalten hat. Der Grund: Das Gericht war der Ansicht, daß Peter Löser seine neunjährige Zwangsunterbringung in einer geschlossenen Anstalt einer Fehldiagnose zu verdanken hat.
Offensichtlich fällt es nicht nur uns, sondern auch der Psychiatrie schwer, zwischen "Wahnsinn" und "Normalität" zu unterscheiden.
In dieser Arbeit möchte ich neue Wege im Umgang mit dem Wahnsinn aufzeigen, durch die ihm sein Platz in der Gesellschaft zurückgegeben wird.
Zunächst erörtere ich im zweiten Kapitel die Antwort der Psychiatrie auf das Phänomen der Ver-rücktheit und setze den Standpunkt ihrer KritikerInnen dagegen. Im dritten Kapitel beschreibe ich drei Projekte, die auf eine andere Art mit Ver-rücktheit umgehen als es in der Psychiatrie üblich ist: das KommRum in Berlin, das "Blaumeier-Atelier" in Bremen und die Soteria-Einrichtungen in den USA und der Schweiz. Die alternativen Ansätze in diesen Projekten diskutiere ich in Kapitel vier. Dabei gehe ich in meiner Kritik von den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen aus. Abschließend benenne ich im fünften Kapitel die Möglichkeiten von SozialpädagogInnen für einen Umgang mit psychisch Leidenden, der ihren Bedürfnissen gerecht wird.
In dieser Arbeit erhebe ich nicht den Anspruch, die Vor- und Nachteile der Psychiatrie umfassend darzustellen und zu diskutieren. Vielmehr möchte ich die problematischen Aspekte der psychiatrischen Versorgung aufzeigen und darlegen, daß es alternative Hilfsmöglichkeiten für Betroffene gibt, die nicht nur ebenso effektiv sind, sondern auch von den Betroffenen als wirklich hilfreich empfunden werden.
An dieser Stelle möchte ich noch auf die Problematik der Begrifflichkeiten hinweisen: Da es, wie ich festgestellt habe, keine Beweise für die Richtigkeit des medizinisch-psychiatrischen Krankheitsmodells gibt, vermeide ich in meiner Arbeit Bezeichnungen wie "psychisch krank" und die Verwendung von psychiatrischen Diagnosen (z. B. Schizophrenie). Wenn ich diese dennoch benutze, setze ich sie in Anführungszeichen. Unter "Betroffenen" verstehe ich die Menschen, "die von der Psychiatrie im weitesten Sinne direkt betroffen sind ..., deren traditionelle Rolle es eher ist, passiv Handlungen anderer (...) hinzunehmen als selbst zu handeln ..." Wenn ich von "Ver-rückten" oder "Ver-rücktsein" spreche, meine ich das nicht auf die herkömmliche Art abwertend, sondern gehe von der ursprünglichen Bedeutung dieser Worte aus: die Realität ver-rücken bzw. in eine andere Realität ver-rückt worden sein.
In der Psychiatrie wird in Forschung und Praxis vor allem vom Postulat der somatischen Ursachen für die sogenannte "psychische Krankheit" ausgegangen. Bemerkenswert bei dieser Einstellung ist, daß "die regelhafte und ursächliche Existenz spezifischer organischer Störungen ... für die sog. endogenen Psychosen [bis heute noch, M. H.] nicht belegt werden" konnte. Trotzdem werden Ansätze, die Alternativen zu dieser Theorie bieten, von Psychiatern nicht weiterverfolgt oder sogar vehement bekämpft. Ein Beispiel dafür ist der Rat Fritz REIMERs, des ärztlichen Direktors des psychiatrischen Landeskrankenhauses Weinsberg, an die Psychiater der neuen Bundesländer auf einer Tagung im November 1990 in Berlin: "Sie müssen alles vermeiden, was Ihnen als 'modisch' angepriesen wird, besonders von den über 300 angeblich wirksamen Psychotherapien, und Sie dürfen nicht vergessen, daß ungeliebte Therapien, wie z. B. Elektrokonvulsion oder Arbeitstherapie, neben den Medikamenten wichtige Behandlungsverfahren sind, um unsere (chronisch) Kranken weiterzubehandeln." Diese Widersprüche möchte ich näher beleuchten.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen "Zustand umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens". Demnach ist faktisch jeder Mensch in irgendeiner Hinsicht krank, da dieser Zustand wohl kaum zu erreichen ist, wenn man die wachsende Vereinsamung in den Industriestaaten, die Zerstörung der Umwelt und die vielen Gifte im Alltag bedenkt. Wenn es sich bei wirklicher Gesundheit also offensichtlich um eine Idealvorstellung, eine Utopie handelt, dann stellt sich die Frage, ab wann Krankheit behandlungsbedürftig wird.
Eine Antwort darauf gibt schon die WHO-Definition: Gesundheit bedeutet Wohlbefinden; erst wenn sich der einzelne Mensch in irgendeiner Hinsicht nicht wohl fühlt und sich selbst als "krank" bezeichnet, ist er krank. In unserer Industriegesellschaft sind aber in der Regel andere Kriterien maßgebend, die nicht unmittelbar das persönliche Wohlbefinden betreffen: die Arbeits- und Leistungsfähigkeit des einzelnen. "Jeder Staatsbürger hat seine Funktion zu erfüllen; verliert er durch eine Krankheit seine Funktionsfähigkeit, dann muß er sich gesund machen lassen. Wird ein Arbeiter wegen seiner Gallensteine immer wieder krank, will sich aber nicht einer Operation unterziehen, dann kann ihm eventuell das Krankengeld oder eine vergleichbare Rentenzahlung verweigert werden."
Bei den sogenannten "psychischen Krankheiten" wird diese Problematik noch deutlicher: Die Gesellschaft erwartet von ihren Mitgliedern, daß sie ihre Funktionen erfüllen. Dieser Erwartung zu entsprechen, wird allgemein als "normal" angesehen. Dabei wird von einer Konstruktion des "Durchschnittsmenschen" ausgegangen, der, überspitzt gesagt, folgende Eigenschaften aufweisen muß: "Normal ist, wer sich nicht als 'gestört' bezeichnet und von anderen nicht so bezeichnet wird ... [...] Normal ist, wer sich den herrschenden Normen anpaßt, keine großen Probleme hat und für die anderen keine großen Probleme schafft."
Unauffälliges Verhalten innerhalb der Gesellschaft wird allgemein als "Normalität" verstanden und mit "geistiger Gesundheit" gleichgesetzt. "Krankheit" ist demnach Abweichung von der Normalität: "In der Wortbedeutung von Delirium (lat. aberrare de lira: von der Hauptfurche abweichen) ... steckt, wie auch in verrückt, die Abweichung. Indem die Gesellschaft Abweichung feststellt und sanktioniert, legt sie - unter direkter (Kriminalisierung) oder indirekter (Psychiatrisierung) Androhung von Strafe - den Spielraum des Erlaubten fest." Mit anderen Worten: "Krankheit" muß nicht in erster Linie geheilt werden, weil sie den betroffenen Menschen belastet, einschränkt oder schmerzt, sondern weil sie die Gesellschaft stört, in ihr nicht erlaubt wird.
Dabei wird nicht gesehen, daß es "heute - angesichts der gesellschaftlichen Ansprüche an das menschliche Individuum - keine Normalität [gibt, M. H.], sondern nur zwei Sorten des Wahns: die 'vernünftige' Einheit und die 'unvernünftige' Spaltung, eine panisch verteidigte Identität und eine mit Angst und Schrecken verbundene Schizophrenie." Für KAMPER ist infolgedessen "die Schizophrenie die angemessenere Verarbeitung des Zivilisationsprozesses. Sie hält in der Unerträglichkeit dem eigenen Verlangen und der eigenen Sprache die Treue. Identität dagegen braucht Panzerung und Rüstung, um verbissen und stumm schließlich ein leeres Selbst zu retten."
Psychisches Leiden wird in der Psychiatrie als "Krankheit" angesehen. "Als Krankheit ist ein Phänomen per definitionem nicht sozial bedingt und gleichzeitig ist die zu erwartende Ebene der Intervention keine soziale."
Es fällt auf, daß sich die psychiatrische Nosologie in Ermangelung konkreter physiologischer Symptome aber bei der Einordnung der einzelnen "psychischen Krankheiten" eben auf Kriterien der gesellschaftlichen Normerfüllung bezieht. Ein Mensch, der sich in bestimmten Punkten den Erwartungen der Gesellschaft verweigert, wird in der psychiatrischen Diagnostik als "psychisch krank" und damit medizinisch behandlungsbedürftig angesehen. Die MedizinerInnen verbuchen für sich das Recht, zu bestimmen, was unter den Begriff "Krankheit" zu fassen, welches Verhalten Ausdruck von "Krankheit" ist. Nur ist "Verhalten als Indiz für eine Krankheit ... kein objektiver Tatbestand - er ist darüber hinaus auch deswegen subjektiv, weil Verhalten eine Sache von Beobachtung und Interpretation ist. Kurz gesagt, was in den Augen des einen Menschen verrückt ist, ist für den anderen völlig erklärbar, ja sogar vernünftig." An dem bekannten Experiment von ROSENHAN wird besonders deutlich, wie zweifelhaft eine solche Diagnostik anhand von Verhalten ist. Dabei ließen sich mehrere "gesunde" Versuchspersonen in die Psychiatrie einweisen; sie behaupteten bei der Aufnahme, Stimmen zu hören. Ansonsten verhielten sie sich entsprechend ihrer "normalen" Persönlichkeit. Bezeichnend war, daß jede ihrer Handlungen und Äußerungen als Symptom für ihre "Krankheit" gewertet wurde und sie teilweise sogar große Schwierigkeiten hatten, aus der Psychiatrie entlassen zu werden.
Das Erleben, die Gefühle und Erfahrungen der Betroffenen werden in der psychiatrischen Nosologie auf bloße Symptome des jeweiligen "Krankheitsbildes" reduziert. Andere Ursachen werden damit vollständig außer acht gelassen: "Jegliche Betonung dieses Punkts legt notwendigerweise sowohl die Quelle des Problems als auch den Ort der Behandlung in erster Linie in die Individuen und befreit so die Forschung nach der Ursache des Problems ebenso wie die Forschung nach einer giftigen Bakterie oder einem hormonellen Ungleichgewicht, von sozialen und persönlichen Aspekten."
Hier wird die politische Dimension des medizinischen Krankheitsmodells deutlich: Durch den Körper ist psychisches Leiden vorausbestimmt; "Freiheit und Verantwortung, gut und böse, Wahlmöglichkeit und Vernunft werden von ... [dem medizinischen Modell, M. H.] ausgelöscht". Der Mensch wird zu einem von seiner Biologie determinierten Wesen, wenn ihm einmal das Etikett "geisteskrank" gegeben wurde. Er selbst "wird sich ... lange Zeit (vielleicht immer) unter dem Aspekt betrachten, ob es 'wieder so weit' ist. Schlaflosigkeit, Unruhe, Trauer ... alles steht unter Verdacht; unbedarft darf nichts mehr geschehen."
Dabei hat die "Krankheit" für die Betroffenen eine große Bedeutung für ihre Persönlichkeitsentwicklung. "Unter einer Psychose ist keine gesetzmäßig verlaufende 'Geisteskrankheit' zu verstehen, wie in manchen Wörterbüchern immer noch zu lesen ist, sondern ein der Realität entrücktes Erleben, eine Veränderung von Fühlen, Wahrnehmen und Denken", ... [die sich durch eine große, M. H.] Vielfalt" auszeichnet und die von den Betroffenen durchaus nicht immer als negativ und störend empfunden wird. Ihr ver-rücktes Verhalten wird nicht unbedingt auch von ihnen selbst als "krankhaft" erlebt und muß demnach nicht unterbunden werden. Auch wenn die Betroffenen unter ihrem ver-rückten Erleben leiden, muß diese Erleben be- und verarbeitet werden, was die bloße Unterdrückung der Symptome nicht ermöglicht. Die Fragen müßten heißen: "Was hat zu meiner Psychose geführt? Was hat mir mein Psychoseerleben zu sagen? Welchen Sinn hat es für mich? Was muß ich ändern?"
Andere "Therapieformen", die oft in stationären psychiatrischen Einrichtung Anwendung finden, wie Arbeits- und Beschäftigungs"therapie", ändern nur wenig daran, daß die medizinische Betrachtungsweise in der Psychiatrie eindeutig vorherrscht und die "Symptombeseitigung noch immer vor Beziehungsoptimierung" geht. Psychotherapeutische Verfahren innerhalb der Psychiatrie scheitern an der neuroleptika-bedingten Verfremdung des ver-rückten Erlebens der Betroffenen. Außerdem ist es fraglich, ob die Bedingungen für eine erfolgversprechende Psychotherapie in einer totalen Institution wie der Psychiatrie gegeben sind.
Gerade in den letzten Jahren ist vor allem durch die Bücher von LEHMANN und ZEHENTBAUER die Diskussion über die Verabreichung von Psychopharmaka (speziell von Neuroleptika) erneut entfacht. Die beiden Autoren wiesen jeweils nach, daß Neuroleptika nicht die sogenannte "Krankheit", sondern im besten Fall deren Symptome bekämpfen und außerdem schwere bis hin zu tödlichen Nebenwirkungen auslösen: ""Ständige Sitz- und Bewegungsunruhe, schwere Spasmen der Muskelgruppen im Kopf- und Oberkörperbereich, Verkrampfung der Schlundmuskulatur bis hin zu lebensgefährlichen Atmungsstörungen, Kreislaufschwäche, Herzrasen, Hirnschäden, epileptische Anfälle, Veränderungen im Hormonsystem", um nur einige zu nennen. Die Fraktion der GRÜNEN im oberbayerischen Bezirkstag stellte daraufhin einen Antrag, in dem ein Verbot hochpotenter Neuroleptika und die massive Einschränkung des Einsatzes anderer Psychopharmaka zugunsten pflanzlicher und homöopathischer Medikamente und alternativer Behandlungsverfahren gefordert wurde. Dieser Antrag wurde im Bezirkstag abgelehnt, trug aber mit dazu bei, daß die Diskussion verstärkt in die Öffentlichkeit getragen wurde.
Obwohl diese Nebenwirkungen den PsychiaterInnen durchaus bekannt sind - und das nicht erst seit den Veröffentlichungen von LEHMANN und ZEHENTBAUER - und die Kritik an der "Psychopharmaka-Therapie" selbst in den eigenen Reihen immer lauter wird, wird in der Psychiatrie in der Regel weiterhin an dieser "Behandlungsmethode" festgehalten. Die Dauerschäden bei den Betroffenen werden dabei als unumgänglich in Kauf genommen. Psychopharmaka werden als absolut notwendig für die Behandlung von psychischen Krankheiten dargestellt. In einer Broschüre des Dachverbandes Psychosozialer Hilfsvereinigungen, die eine Orientierungshilfe für Angehörige psychisch Leidender darstellen soll, heißt es beispielsweise: "Für den Angehörigen ist es oft schwer, zusehen zu müssen, wenn eventuell auftretende Nebenwirkungen der verordneten Psychopharmaka den Betroffenen stören. Es kommt entscheidend darauf an, daß die Medikamente wie verschrieben eingenommen werden, damit ein Rückfall möglichst vermieden wird. Ich rate im Zweifel, lieber Nebenwirkungen als das Risiko eines Rückfalls in Kauf zu nehmen."
Problematisch bei der "Behandlung" psychischen Leidens mit Psychopharmaka ist neben den oben genannten physiologischen Nebenwirkungen auch die gewollte therapeutische Wirkung, daß die Symptome unterdrückt werden. Damit wird aber gleichzeitig das Psychoseerleben der Betroffenen unterdrückt und somit ein anderer Zugang zum psychischen Leiden, beispielsweise durch Psychotherapie, erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Paradoxerweise argumentieren die Befürworter der Pharmakotherapie häufig in die Richtung, daß die Betroffenen erst durch die Einnahme von Psychopharmaka zu einer Psychotherapie fähig werden. Wolf MÜLLER, der Chefarzt der psychiatrischen Tagesklinik Bünde, zieht dagegen aus seinen Erfahrungen mit psychischem Leiden "den Schluß, daß eine alleinige medikamentöse Abschottung, ein Unterdrücken der psychotischen Symptome uns den Zugang zu den Inhalten nimmt, den Menschen von seinem eigentlichen Leiden abspaltet und neues Leiden schafft. Wir wissen doch alle nicht zuletzt aus der Psychosomatik, daß nicht bearbeitete Konflikte chronische Leiden entstehen lassen. Für mich heißt das: Die alleinige Gabe von Psychopharmaka chronifiziert Psychosen".
Die Psychopharmaka haben eine weitere psychiatrische "Behandlungsmethode", den Elektroschock (auch: Elektrokonvulsion, Elektrokrampfbehandlung) "weitestgehend abgelöst. ... [Er, M. H.] wird heute ... nur noch sehr selten und in einer weniger belastenden Form angewandt". Nach LEHMANN ist der Elektroschock aber eine immer noch häufig praktizierte "Therapie", obwohl nachgewiesen ist, daß die durch Elektroschock ausgelösten epileptischen Anfälle bei den Betroffenen Zerstörungen der Nervenzellen und Symptome, die denen einer Gehirnwäsche ähnlich sind, zur Folge haben. Mehr noch: Durch Elektroschocks wird eine Hirnschädigung verursacht; "jeder einzelne Patient, jede einzelne Patientin [weist, M. H.] nach einer Elektroschockserie ein hirnorganisches Psychosyndrom auf..., mit Verwirrtheit, Desorientierung, Stimmungsschwankungen, Verlust der Entscheidungsfähigkeit". Außerdem treten bei den Elektroschock-"Behandelten" Erinnerungslücken auf, die manchmal wieder verschwinden, oft aber auf Dauer weiterbestehen. Die Fürsprecher der Gemeindepsychiatrie DÖRNER und PLOG bezeichnen den Elektroschock zwar als eine "gewalttätige Technik", ebenso wie die Pharmakotherapie, sehen aber die Vorteile dieser "Behandlung" darin, daß der seelisch leidende vorübergehend in einen hirnorganisch kranken Menschen verwandelt wird und es dadurch unter Umständen "zu Abschwächung, Unterbrechung oder Abbruch des psychotischen Handelns" kommt. Wenn allerdings selbst psychiatrische Befürworter des Elektroschocks von einer Indikation zur Elektroschocktherapie bei Menschen aus höheren sozialen Schichten wie Ärzte, Rechtsanwälte oder Professoren eher abraten, stellt sich die Frage, warum andere Bevölkerungsgruppen dieser "Behandlung" unterzogen werden sollen.
Bei dieser Methode wird durch die Gabe von Insulin eine künstliche Unterzuckerung (Hypoglykämie) herbeigeführt, deren Symptome (wie Schweißausbrüche, Zittrigkeit, innere Unruhe, Angstgefühle, Herzkreislaufstörungen und Benommenheit bis zur Bewußtlosigkeit) für die PatientInnen nicht nur unangenehm, sondern sogar gefährlich sind. Außerdem kann hierbei ebenfalls ein irreversibler Hirnschaden entstehen. Beim Insulinschock wird also genau der Zustand wissentlich herbeigeführt, der bei der Behandlung von DiabetikerInnen gerade vermieden werden soll. DÖRNER/PLOG unterscheiden zwischen der großen "Insulinkur", die aufgrund ihrer großen Risiken nicht mehr angewandt wird, und der kleinen "Insulinkur", die angeblich für körperlich gesunde Menschen kein Risiko darstellt. ZEHENTBAUER sieht das allerdings anders: "Die Wirksamkeit der Insulinkur ist mehr als fraglich, und das Risiko nach wie vor beträchtlich. [... Sie, M. H:] ist mit qualvollen und gefährlichen Nebenwirkungen (...) verbunden und sollte in keinem Fall mehr angewandt werden."
Die Technik der Psychochirurgie wurde zum ersten Mal Ende des 19. Jahrhunderts bei "Schizophrenen" angewandt. Das Prinzip besteht darin, bestimmte Teile des menschlichen Gehirns, die für die jeweilige "psychische Krankheit" verantwortlich gemacht werden, zu zerstören. Das hat in jedem Fall eine massive Veränderung/Zerstörung der Persönlichkeit des Menschen zur Folge. In den letzten Jahren wird dieser Methode, bedingt durch immer bessere technische Möglichkeiten in der Chirurgie, wieder eine steigende Bedeutung zugemessen.
Bis heute wird in Teilen der Psychiatrie an die Vererbung der "psychischen Krankheiten" geglaubt. In der Genforschung wird ständig nach speziellen Genen, die entweder Träger der konkreten "Krankheit" (z. B. Schizophrenie) oder (nach der Vulnerabilitätstheorie) der Anfälligkeit zu diesen "Krankheiten" sind. Immer wieder werden der Fachwelt bahnbrechende Erkenntnisse in der genetischen Schizophrenieforschung präsentiert, die sich allerdings bald wieder als haltlos erweisen. Dabei besteht jedesmal erneut die Gefahr, daß die angeblich für die "Krankheit" verantwortlichen Gene z. B. durch pränatale Diagnostik ausgesondert werden und deren TrägerInnen erheblichen Benachteiligungen ausgesetzt werden (Schwangerschaftsabbruch, Sterilisation etc.), die frappierend an die Methoden in der NS-Zeit erinnern. Die Gentechnik ist (zum Glück) noch nicht so weit fortgeschritten, aber die Aussagen der Genforscher zeigen, daß diese Befürchtungen durchaus real sind.
Im letzten Kapitel wurden die in der Psychiatrie üblichen "Behandlungsmethoden" und ihre konkreten körperlichen und psychischen Folgen beschrieben. Die rein biologische Betrachtungsweise psychischen Leidens hat aber außerdem noch eine gesellschaftliche Dimension: Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln werden Leid, "unnormales" Erleben und Handeln und Andersartigkeit manipuliert, ausgegrenzt und künstlich assimiliert. Diese These möchte ich im folgenden weiter ausführen.
Alle oben angeführten sogenannten "Therapien" bekämpfen, wenn überhaupt, nicht ausschließlich die Symptome der "psychischen Krankheit", sondern verändern in irgendeiner Hinsicht das subjektive Erleben, die Persönlichkeit der Betroffenen. Der eindringliche Bericht einer ehemaligen Psychiatriepatientin macht dies deutlich:
"Bei hoher Dosierung [von Psychopharmaka, M. H.] läuft man als Roboter mit verdrehtem Kopf oder in der Haltung eines Affen daher, falls man überhaupt noch laufen kann. Ich habe eine Depotspritze für einen Monat bekommen und sollte damit arbeiten gehen. Ich versuchte es auch als Blumenverkäuferin. Unter dem Einfluß des Medikamentes war ich nicht in der Lage, ein paar Zahlen zusammenzurechnen. Ich quälte mich ununterbrochen, auch konnte ich auf solche Weise keinen Kontakt zu anderen Menschen herstellen. Ich war nicht mehr lebensfähig, eine ununterbrochene Qual war diese Zeit, obwohl ich aus dem Krankenhaus bereits entlassen war."
Unter solchen Bedingungen ist diese Frau nicht in der Lage, ein selbständiges Leben zu führen, sondern ist auf Hilfe von psychiatrischen und psychosozialen Einrichtungen angewiesen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie darauf verzichtet zu arbeiten und von Sozialhilfe lebt. Hinzu kommt, daß ihr Gefühlsleben und ihre Gedankenwelt beeinträchtigt sind - sie fühlt sich wie ein "Roboter" und hat große Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren.
Bei solchen Aussagen von Betroffenen fällt es schwer, an eine erfolgreiche "Therapie" psychischen Leidens durch Psychopharmaka zu glauben. Es ist im Gegenteil anzunehmen, daß die Betroffenen unter Einwirkung von Psychopharmaka so abgestumpft sind, daß sie erst recht nicht mehr in der Lage sind, sich mit ihrem ver-rückten Erleben auseinanderzusetzen: "Die Psychopharmaka berauben die Betroffenen gerade der Fähigkeiten, die sie zur Bewältigung ihrer Probleme unbedingt bräuchten." Sie beseitigen außerdem die Möglichkeit, "neue Einsichten zu erfahren und eine kreative Persönlichkeitsentfaltung zustande zu bringen. Sie zerstören die Fähigkeit, die bezeichnend ist für das menschliche Leben: Kreativität." Das ver-rückte Erleben verschwindet dabei nur selten durch die Pharmakotherapie, lediglich seine äußerlichen Symptome; "Wahn und Halluzinationen [bleiben, M. H.] erhalten, können aber nicht mehr ausgelebt werden"
Diese persönlichkeitszerstörenden Auswirkungen der Psychopharmaka sind, wie oben bereits angedeutet, bei der "Elektroschocktherapie", der "Insulinkur" und vor allem bei den Praktiken in der Gehirnchirurgie noch um einiges gravierender und meist irreversibel, vor allem wenn es zu Schädigungen des Gehirns kommt. Es ist offensichtlich die Auffassung der Psychiatrie, daß erst etwas zerstört werden muß, um den Menschen zu "heilen".
Wenn allerdings "normales" Verhalten gleichbedeutend ist mit Unempfindlichkeit und Abstumpfung, sind solche "Behandlungsmethoden", wie sie in der Psychiatrie eingesetzt werden, durchaus sehr erfolgreich.
"Dann erkläre man das Menschsein an sich zum medizinischen Problem, definiere die Psyche als eine Abfolge von mysteriösen Unwägbarkeiten und behaupte, es handle sich um ein chemisches Konstrukt von unsicherem Gleichgewicht, um ein Rätsel, dem wir ausgeliefert sind."
Durch die rein medizinische Betrachtungsweise in der Psychiatrie werden andere Erklärungsmodelle für Ver-rücktheit, die die Seele des Menschen in den Vordergrund stellen, größtenteils aus der "Behandlung" ausgeklammert, z. B. daß Ver-rücktheit "eine unter mehreren Möglichkeiten [ist, M. H.], um zu zeigen, daß die individuellen (oder allgemein herrschenden) Lebensbedingungen nicht länger erträglich sind".
Es gibt genügend Anhaltspunkte dafür, daß reale Erlebnisse der Betroffenen für das Ausbrechen einer "psychischen Krankheit" verantwortlich sind. "Derzeit besagen die Schätzungen, daß wahrscheinlich 80 bis 90% der psychisch kranken Frauen Opfer eines sexuellen Mißbrauchs gewesen sind." Solche Erlebnisse spiegeln sich auch bildhaft in den ver-rückten Ideen der Betroffenen wider. Es scheint durchaus verstehbar, daß z. B. der sexuelle Mißbrauch bei den Betroffenen so angstbesetzt ist, daß sie sich nicht trauen, die Sache beim Namen zu nennen, sondern sie stattdessen verschlüsseln. Anstatt sich der Erfahrung des Mißbrauchs nun zu nähern, wird diese Art der Bewältigung in der Psychiatrie unterdrückt. Es findet eine "Vorenthaltung psychischen und sozialen Beistandes [und, M. H.] stattdessen [eine, M. H.] Behandlung des Körpers zur Unterdrückung unerwünschter 'Krankheitszeichen'" statt.
Das ist besonders erschreckend, wenn man bedenkt, daß die Betroffenen nach einer solchen "Behandlung" wieder zurück in dieselbe Umwelt geschickt werden, die sie krankgemacht hat (sofern sie relativ schnell entlassen werden), ohne daß sich hier für sie die Bedingungen geändert oder sie in der Psychiatrie neue Bewältigungsmöglichkeiten für ihre Probleme gelernt hätten.
Solange die Betroffenen nicht wirkliche Alternativen zur Bewältigung ihrer spezifischen Lebenssituation gefunden haben, ziehen sie möglicherweise ihre bewährte Strategie des Wahnsinns der ihnen unerträglichen Realität weiterhin vor. Und solange man den Betroffenen solche Alternativen nicht anbieten kann, sollte ihnen diese Entscheidung überlassen bleiben. "Auch die 'Existenz im Traum' kann zum Alptraum werden, kann leidvoll sein und angstbeladen. Doch dies ist keine Besonderheit des 'Wahnsinns', auch die Realität kann qualvoll, angstbesessen erlebt werden."
Durch die psychiatrischen Diagnosen, vor allem die der sogenannten "endogenen Psychosen", wird ein Urteil über die Betroffenen gefällt, das ihr weiteres Leben in allen Bereichen maßgeblich beeinflußt. Sie werden dazu verurteilt, sich "als oftmals hilflose Opfer von Entkräftung und lebenslanger Krankheit zu sehen, verkümmert und chronisch". Es besteht die Gefahr, daß sie auch von den ihnen nahestehenden Menschen in erster Hinsicht als "psychisch Kranke" angesehen werden. Außerdem bedeutet "der Gang zum Hausarzt oder zum Nervenarzt ... für den Betroffenen in der Regel die Aufgabe der Autonomie", sie setzen sich dem "Makel" aus, in psychiatrischer Behandlung zu sein und ihr Leben ohne die Einnahme von Psychopharmaka nicht mehr in den Griff zu kriegen. Die Umwelt erkennt auch, daß die Leistungsfähigkeit der Betroffenen eingeschränkt ist, und führt dies in der Regel auf die "Krankheit" zurück; dabei handelt es sich oft um die Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Die Betroffenen befinden sich in einem Dilemma: Einerseits hängen "Freiheit, Leben, Nahrung, Obdach und Beschäftigung ... allesamt davon ab, ob sich ein Mensch [der medizinischen "Behandlung", M. H.] unterwirft", da er andernfalls auch dazu gezwungen werden kann, andererseits wird ihm gerade durch die Psychopharmaka die Chance zu einem freien, selbstbestimmten Leben genommen. "Der Zwang, regelmäßig Medikamente, oft gegen den eigenen Willen einzunehmen, vertieft das Stigma und kann die mit langjähriger psychischer Erkrankung einhergehende wirtschaftliche Verarmung nicht verhindern, sondern beinhaltet letztlich nur eine schäbige Restmöglichkeit der Teilnahme am öffentlichen Konsum."
Die psychiatrische Diagnose untergräbt auch das Selbstvertrauen: Sie unterstellt den Betroffenen, daß sie "krankheitsbedingt" nicht mehr in der Lage sind, ihre eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen richtig einzuschätzen. Daher müssen diese von anderen Menschen ebenfalls nicht ernst genommen werden. Es handelt sich hierbei um "den fatalen Prozeß des Sich-selbst-nicht-mehr-trauen-könnens, der mit der Diagnose 'geisteskrank' und der 'Hospitalisierung' einsetzt. Wird das Etikett internalisiert, erleben die Betroffenen einen grausamen Schnitt, etwas wirkt in ihnen, auf das sie keinen Einfluß haben, das sie nicht verstehen können - die 'Krankheit'."
Die in psychiatrischen und psychosozialen Einrichtungen arbeitenden ExpertInnen verstehen sich als HelferInnen der psychisch Leidenden. Ihre Leistungen dienen ausschließlich dem "Wohle der PatientInnen". Offensichtlich bestehen aber bis heute in der Praxis erhebliche Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit der psychiatrischen Dienstleistungen.
Im Zuge der Psychiatriereform in den 70er und 80er Jahren wurden die verheerenden Mißstände, die in den psychiatrischen Landeskrankenhäusern vor allem auf den Stationen für LangzeitpatientInnen vorherrschten, größtenteils abgeschafft. Eines der erklärten Ziele, die Auflösung und Abschaffung der psychiatrischen Großkrankenhäuser, wurde allerdings bis heute nicht erreicht. Auch die vielgepriesene Gemeindepsychiatrie hat nicht zu einem "Weniger" an Psychiatrie, sondern im Gegenteil zu einem Ausbau der psychiatrischen Versorgung beigetragen.
Die psychiatrische Versorgung zeichnet sich dadurch aus, daß sie von ExpertInnen bestimmt und praktiziert wird, was auch im Enquête-Bericht ausdrücklich betont wird: "Erst die Anzahl und die Art der expertendefinierten Bedürfnisse bestimmt den Bedarf an Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge." Der Bedarf wird also nicht z. B. durch eine Befragung der Bevölkerung festgestellt, sondern die ExpertInnen entscheiden aufgrund ihres Wissens, ihrer Erfahrungen, bzw. weil sie ExpertInnen sind, wer zu der Gruppe der Behandlungsbedürftigen gehört. "Der im Enquête-Bericht verwendete Bedarfsbegriff geht von einer unhinterfragten Kompetenzzuweisung an Fachleute aus, der Bezugnahme auf den Ist-Zustand bestehender psychiatrischer Versorgung als Grundlage für eine neue Bedarfsermittlung und der Transformation 'selbstdefinierter' Bedürfnisse in 'expertendefinierte'."
Hier kommt ein in der Gesellschaft herrschendes (Selbst-) Verständnis von ExpertInnen zum Ausdruck, das John McKNIGHT so zusammenfaßt: "Ich, der Experte, bin die Antwort" auf deine Bedürfnisse, nicht deine Angehörigen, dein soziales Umfeld, deine Arbeitssituation, deine Wohnverhältnisse etc. Die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse wird der Zuständigkeit der ExpertInnen übergeben.
Aber die Macht der ExpertInnen reicht noch weiter: Sie definieren selber die Bedürfnisse ihrer KlientInnen und entscheiden damit "nicht nur über die angemessene Befriedigungsart, sondern über die Probleme selbst". Als nächsten Schritt übersetzen sie das Problem in eine professionelle Sprache, die nur den ExpertInnen verständlich ist und den Betroffenen den Zugang zu ihrem eigenen Problem nehmen. Auch die Wirksamkeit und der Erfolg ihrer "Hilfe" werden von den ExpertInnen selbst festgelegt. Durch diese Prozesse werden die Betroffenen Schritt für Schritt entmündigt und reduziert auf KonsumentInnen von psychosozialen und psychiatrischen Dienstleistungen.
Eine weitere Auswirkung der Herrschaft von ExpertInnen besteht in der Aufspaltung und Zerteilung des betroffenen Menschen in seine verschiedenen Bedürfnisse, für die jeweils spezielle professionelle HelferInnen zuständig sind. "Da die Systeme ein Sortiment verwalteter Teile sind, wird der Kunde notwendigerweise als ein Sortiment verwalteter Teile, jedes mit seinem eigenen Service-Monteur, verstanden und behandelt." In der psychiatrischen Versorgung "ist der Psychologe z. B. für die Diagnose zuständig, der Psychiater für die medikamentöse Behandlung, der Sozialarbeiter für die Wohnungsbeschaffung". Durch diese Praxis wird eine ganzheitliche Sichtweise der Probleme der Betroffenen unmöglich gemacht. Aus ihrem komplexen Lebenszusammenhang werden einzelne Bereiche ausgegliedert und von jeweils zuständigen ExpertInnen "behandelt". Das muß gerade bei den Menschen, die schon unter einer subjektiv erlebten Zersplitterung ihres Selbst leiden, diese Verwirrung noch verstärken.
Die Betroffenen, die eine psychosoziale oder (sozial-) psychiatrische Einrichtung in der Hoffnung auf Hilfe aufsuchen, sind sich meist nicht darüber im Klaren, welchen institutionellen Zwängen die dort arbeitenden HelferInnen ausgesetzt sind. Die meisten Einrichtungen sind hierarchisch aufgebaut. Im psychiatrischen Krankenhaus kann man das noch relativ deutlich erkennen: Es gibt dort den/die Chefarzt/-ärztin, die ÄrztInnen, die PsychlogInnen, die TherapeutInnen, die SozialarbeiterInnen und an unterster Stelle die Schwestern und Pfleger. Über allem steht der öffentliche Träger des psychiatrischen Krankenhauses, dem die Krankenhausleitung unterstellt ist.
Aber auch ein großer Teil der gemeindepsychiatrischen Einrichtungen liegt in der Hand der öffentlichen Gesundheitsverwaltung oder der großen 'Freien Träger der Wohlfahrtspflege'. Deren Entscheidungen bestimmen die konkrete Arbeit der MitarbeiterInnen in den einzelnen Einrichtungen. Die "Handlungsspielräume [des Mitarbeiters, M. H.] sind eng gesteckt: Darf er mit den Betreuten zusammen eine Zeitung produzieren, in der der Träger kritisiert wird, darf er selbst Mißstände anprangern, darf er frei über Gelder verfügen, die nach seiner Einschätzung zur Verbesserung der 'Betreuung' nötig sind, darf er nach eigenem Ermessen Gruppen oder Initiativen anregen, oder muß er jeweils erst 'oben' anfragen?"
Die hierarchisch Höhergestellten haben im Gegenzug kaum oder gar keinen Kontakt zu den Betroffenen. Ihre Aufgabe ist zu verwalten, sie sind in erster Linie an rechtliche, finanzielle und institutionelle Bedingungen gebunden. "Die 'psychosoziale Versorgung' ist eine eigene fiktive Welt aus 'Betten' und 'Plätzen', aus Tagessätzen und Paragraphen, aus Akten, Anträgen, Bewilligungen, Berichten, aus politischen Strategien und Bündnissen, aus Gremien und Mauscheleien auf den Fluren." Dabei geraten die Betroffenen, die in der Hierarchie ganz unten stehen, aber doch die eigentlichen "Nutznießer" der psychiatrischen Versorgung sein sollen, mit ihren Wünschen und Bedürfnissen nicht nur in den Hintergrund, sondern sind meist die Leidtragenden der Probleme, die sich zwangsläufig innerhalb eines streng hierarchischen Systems ergeben. "Gemeindenahes Management über Versorgungsstrukturen läßt auch nicht automatisch Begegnungen zu."
"Sehr viele, scheinbar technische Aspekte der Irrenanstalt [und anderer psychiatrischer Institutionen, Anm. M. H.], wie die Stärke des Verwaltungs- und Pflegepersonals, die interne Organisation, die Essenszeiten, der Gebrauch und Mißbrauch von Medikamenten, die Zahl der Entlassungen von Langzeitpatienten, haben ihren Ursprung allein in den politischen und korporativen Interessen und in der bürokratischen Verwaltung, in die sich Personal und Institution selbst verwandeln." Objekte dieser bürokratischen Verwaltung sind die psychisch Leidenden, die diesem Machtapparat ausgeliefert sind.
GOFFMAN beschreibt in seiner Analyse der totalen Institutionen, zu denen er auch die psychiatrische Anstalt zählt, als deren zentrale Merkmale unter anderem: "Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität statt. (...) Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben."
Die psychiatrische Anstalt nimmt ihre InsassInnen völlig in Anspruch: Sie verlieren bei längerem Aufenthalt meist ihre Arbeitsstelle, ihre Wohnung, ihr soziales Umfeld. Alle diese Lebensbereiche werden in die Anstalt verlagert; dort wird ihnen ein Bett zu Verfügung gestellt, sie nehmen an der "Arbeitstherapie" teil und ihr Kontakt beschränkt sich, abgesehen von den Besuchen von FreundInnen und Angehörigen, hauptsächlich auf MitinsassInnen, PflegerInnen und PsychiaterInnen. Ihr ganzes Leben findet innerhalb der Anstaltsmauern statt.
"Zum Alltag in der Institution Psychiatrie gehört auch, keinen eigenen Raum (im doppelten Sinne) zu haben, keinen Einfluß auf die Auswahl der Mitinsassen, auf die Gestaltung der Räume, auf die Mahlzeiten nehmen zu können, nicht (oder nur in sehr geringem Umfang) über Geld zu verfügen, insgesamt einem System von Bestrafung (...) und Belohnung ausgesetzt zu sein." Wichtig ist nicht mehr der individuelle Mensch; er ist nur noch Objekt eines großen Verwahrungsapparates. "Der neue klinische Patient [findet sich, M. H.] säuberlich aller seiner gewohnten Sicherheiten, Befriedigungen und Abwehrmechanismen beraubt und ist einem umfangreichen Satz von demütigenden Erfahrungen ausgesetzt: Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Leben in der Gemeinschaft, diffuse Autorität einer Vielzahl von Menschen usw." Er steht damit dieser Institution nahezu hilflos gegenüber.
Durch die vielen Sachzwänge innerhalb einer solchen Institution beschränkt sich die "Behandlung" ihrer InsassInnen hauptsächlich auf deren Verwahrung, Versorgung und Verwaltung. Zwischenmenschliche Kontakte geraten innerhalb eines solchen mächtigen Apparates voller Eigengesetzlichkeiten und institutioneller Interessen in den Hintergrund - es fehlt dafür einfach an Zeit.
Auch in den "modernen" psychiatrischen Krankenhäusern seit der Psychiatriereform sind diese Merkmale der totalen Institution im wesentlichen weiter vorhanden; die Psychiatrie hat sich in dieser Beziehung nicht grundlegend verändert.
Angesichts einer so mächtigen, für die Betroffenen undurchschaubaren Institution ist der/die einzelne schwach und ohnmächtig. Von ihm/ihr wird ständig erwartet, sich den Normen und Bedingungen der Anstalt unterzuordnen. Das führt langfristig zu einer Veränderung des Verhaltens und der Persönlichkeit: "Im ... Fall des Anstaltsinsassen, und insbesondere des Langzeitinsassen, ist die Lebensstruktur, auf die er hingebogen wird, die Struktur des institutionellen Verhaltens: sie wird schnell zum eigenen Verhalten der Person und besteht aus Unterwerfung und Aggressivität, Regression und Flucht in verarmte psychische Schemata und rigide, schlecht artikulierte oder monströse Verhaltensweisen." Mit anderen Worten: Das psychiatrische Krankenhaus produziert selber einen Teil des psychischen Leidens, das eigentlich dort geheilt werden soll. Dieses Phänomen ist unter den wissenschaftlichen Begriffen "Hospitalismus" oder "institutionelle Psychose" bekannt, deren Symptome JERVIS folgendermaßen beschreibt: "Der Patient verschließt sich langsam immer mehr in sich selbst, wird energielos, abhängig, gleichgültig, träge, schmutzig, oft widerspenstig, regrediert auf infantile Verhaltensweisen, entwickelt starre Haltungen und sonderbare stereotype 'Ticks', paßt sich einer extrem beschränkten und armseligen Lebensroutine an ... und baut sich oft als eine Art Tröstung Wahnvorstellungen auf (die sogenannten 'institutionellen Delirien')." Diese Folgen werden aber in der Regel nicht auf die Lebensumstände in der psychiatrischen Klinik zurückgeführt; Aggressionen, Apathie, Verweigerung etc. sind vom psychiatrischen Standpunkt aus lediglich Ausdruck der jeweiligen Krankheit. "Wenn das enge Zusammenleben auf einer geschlossenen Station - wo z. B. nicht einmal die Fenster geöffnet werden können - mit unterschiedlichsten Menschen, ohne die Möglichkeit, sich zurückziehen ... oder hinausgehen zu können, zu Aggressionsausbrüchen führt, kommt es einem blanken Zynismus gleich, diese Ausbrüche auf das jeweilige Krankheitsbild zurückzuführen und darin wieder die Bestätigung für die Diagnose zu sehen."
Die psychisch Leidenden finden sich in einer Institution wieder, die ihrem Leid nichts entgegenzusetzen hat und deren Bedingungen es im Gegenteil oft noch verschlimmern (und damit "chronifizieren"). "Unter ungünstigen Verhältnissen sind Behandlung und Betreuung nur damit beschäftigt, die Probleme zu bewältigen, die aus der Auseinandersetzung des Patienten mit seiner Einrichtungsumgebung entstehen." "Behandlung" bedeutet dann in der Psychiatrie z. B. bei Verschlimmerung der "Krankheit" meist eine Erhöhung der Medikamentendosis, deren möglicherweise auftretenden Nebenwirkungen wiederum bekämpft werden müssen... - ein Teufelskreis, aus dem man nicht so leicht wieder heraus kommt.
Die ursprüngliche Idee der Psychiatrie-Reform in der BRD bestand in der Enthospitalisierung der psychisch Leidenden (mit dem Fernziel der Auflösung psychiatrischer Anstalten) bei gleichzeitigem Ausbau ambulanter gemeindenaher psychosozialer Einrichtungen. Inwiefern dieser Ansatz in die Praxis umgesetzt wurde und was diese Entwicklung für die Betroffenen bedeutet, sind die Fragen, mit denen ich mich in diesem Kapitel beschäftige.
Ziel der Gemeindepsychiatrie ist, die psychisch Leidenden an ihrem Wohnort innerhalb ihres sozialen Umfeldes zu versorgen. Als im Zuge der Psychiatrie-Reform die ersten psychiatrischen Langzeitstationen geschlossen wurden, wurden deren BewohnerInnen (meist sogenannte "chronisch Kranke" und geistig und mehrfach Behinderte) aus kostentechnischen Gründen nicht wieder in ihre angestammte Gemeinde integriert. Stattdessen wurden sie größtenteils in Heime und Großanstalten außerhalb der Gemeinden verlegt.
Diese Umhospitalisierung wird bis heute praktiziert: Es wird eine Trennung zwischen sogenannten "Heilbaren" und den "Unheilbaren" vorgenommen. Für die letzteren sind weiterhin die psychiatrischen Krankenhäuser und die Heime zuständig, in denen sie nach dem Bundessozialhilfegesetz "Wartung und Pflege" erhalten. Die Heime bringen den Betroffenen zwar möglicherweise Verbesserungen z. B. im Bereich der Unterbringung (kleinere Zimmer), bedeuten aber gleichzeitig eine erneute Entwurzelung, grenzen diesen Personenkreis weiterhin aus dem gesellschaftlichen Leben aus und verhindern damit die Integration der Betroffenen in ihre Gemeinde.
Die psychiatrischen Kliniken betreiben in der Regel ihren "Bettenabbau" lediglich im Bereich der Langzeitpsychiatrie und übergeben die betroffenen PatientInnen an die freien Wohlfahrtsträger. "Ein ... Teil der Betten verschwindet somit aus dem Blickfeld öffentlicher Verantwortung und Auseinandersetzung in die private Trägerschaft." Dabei bleibt die Institution der psychiatrischen Anstalt unangetastet, und es werden zusätzlich noch Kosten eingespart.
Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie kritisierte auf ihrer Tagung im November 1995 die Praxis der Krankenkassen, für einen Klinikplatz 400 DM am Tag zu zahlen, sich aber an ambulanter Versorgung mit nur 400 DM monatlich zu beteiligen. Für den restlichen Leistungen müsse meist die Sozialhilfe aufkommen, da die meisten Betroffenen arm seien. Dadurch würden immer noch zu viele PatientInnen über Jahre in Großkliniken untergebracht, die ebenso gut ambulant versorgt werden könnten. Auf der Tagung wurde ebenfalls davor gewarnt, die Betroffenen aus Kostengründen in abgelegene Heime zu verlegen und sie damit aus der Gesellschaft auszugrenzen.
Ohne daß gleichzeitig die Auflösung der psychiatrischen Krankenhäuser in Angriff genommen wird, wird die psychosoziale Versorgung in den Gemeinden immer weiter ausgebaut. Darunter fallen die niedergelassenen NervenärztInnen, die Patientenclubs, sozialpsychiatrische Beratungsstellen, Therapeutische Wohngemeinschaften und die Tages- und Nachtkliniken. Diese Einrichtungen tragen in erster Linie dazu bei, daß alle Lebensbereiche der Betroffenen "psychiatrisiert" werden, "ohne daß die strukturellen Widersprüche, die psychisches Leiden gesellschaftlich produzieren, ... einen Stellenwert hätten. ... [Diese, M. H.] sozialpsychiatrischen Ansätze [sind, M. H.] zunächst kaum mehr als der Versuch, die Versorgungskette noch lückenloser zu organisieren und vor allem die Infrastruktur im ambulanten Bereich zu verbessern ..."
Die lückenlose Versorgung ermöglicht eine ebenso lückenlose Kontrolle der Betroffenen: Sozialpsychiatrische Einrichtungen und die niedergelassenen NervenärztInnen überprüfen beispielsweise, ob die Betroffenen die ihnen verschriebenen Psychopharmaka auch regelmäßig einnehmen. Sollten die Betroffenen nicht von sich aus die betreffenden Stellen aufsuchen, können ÄrztInnen und SozialarbeiterInnen trotzdem z. B. durch Hausbesuche mit ihnen ins Gespräch kommen und gegebenenfalls "Krisenintervention" leisten. Es "wird von den Psychiatern forciert, daß eine ambulante, gemeindenahe Psychiatrie ohne regelmäßige Neuroleptikaeinnahme überhaupt nicht funktionieren könnte." Oftmals wird den Betroffenen die eigene Entscheidung über die Einnahme der Psychopharmaka auch durch die Verabreichung von Depot-Neuroleptika abgenommen. Dabei handelt es sich um eine Darreichungsform, bei der die Neuroleptika über einen längeren Zeitraum hinweg (ein bis drei Monate) wirken. Diese Depot-Neuroleptika gewährleisten den Psychiatern, daß sich die Betroffenen nicht über ihre "Behandlung" hinwegsetzen können. "Soziale Kontrolle hat sich von einer offen repressiven Form verändert zu subtileren, stilleren Formen, die auch beinhalten, daß das einzelne Individuum über sich selbst durch Internalisierungsprozesse verstärkt Kontrolle ausübt."
Eine weitere Folge des Ausbaus der psychosozialen Versorgung besteht (scheinbar) paradoxerweise darin, daß sie nicht zu einem Abbau der Akutpsychiatrie im Krankenhaus führt. Psychische Krisen werden in der Gemeinde schneller diagnostiziert. In Bremen haben nach Auflösung des Klosters Blankenburg "Einweisungen und Entlassungen ... zugenommen, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer hat ein wenig abgenommen. Somit bewegt sich die Drehtür etwas schneller." Bei einer solchen Entwicklung ist aber eine erfolgreiche Prävention, das erklärte Ziel der Gemeinde-/Sozialpsychiatrie, nicht feststellbar. Es hat eher den Anschein, als ob es den Betroffenen bei einer lückenlosen Versorgung nahezu unmöglich gemacht würde, dem "Teufelskreis Psychiatrie" zu entkommen. "Durch die Sanierung der Versorgung durch strukturelle Verbesserungen, durch Therapeutisierung der Bedürfnisse wird [lediglich, M. H.] die Logik der Psychiatrie reformiert." KEUPP sieht sogar gegenwärtig wieder eine Entwicklung dahingehend , daß in der psychiatrischen Versorgung "die fürsorgliche Komponente immer mehr in den Hintergrund [tritt, M. H.] und es bleibt die Belagerung jener Menschen, die in den herrschenden Normalitätshorizont nicht hineinpassen oder sich diesem entziehen".
In den letzten Kapiteln habe ich die vielfältigen Mißstände und Widersprüche in der Theorie und Praxis der psychiatrischen und psychosozialen Institutionen angesprochen. Diese lösen auch und gerade bei den Betroffenen Widerstand bis hin zur Verweigerung aus. Um auch solche widerspenstigen Menschen gemäß ihrer gesellschaftlichen Kontrollfunktion "therapieren" zu können, verfügt die Psychiatrie über spezielle Zwangsmaßnahmen, die ich hier näher beschreiben möchte.
In einer Informationsbroschüre der "Aktion Psychisch Kranke" wird Angehörigen, FreundInnen und ArbeitskollegInnen von psychisch Leidenden geraten, diese notfalls "auch gegen ... [ihren, M. H.] - jetzt kranken - Willen in ein psychiatrisches Krankenhaus" einzuliefern oder darauf hinzuwirken, daß "gesetzliche Bestimmungen angewandt werden. (...) Tun sie es nicht, dann besteht die Gefahr, daß er sich oder seiner Umgebung schweren Schaden zufügt. So kann sich ein Süchtiger gesundheitlich ruinieren. Ein Maniker kann sich und seine Familie durch Verschwendung an den Rand eines Bankrotts bringen. Ein Depressiver kann sich das Leben nehmen. Ein verwirrter alter Mensch kann sich ohne Hilfe von anderen verirren, in Gefahr geraten und sogar verhungern." Im "Leitfaden für Angehörige" wird gleich dazu geraten, daß die Angehörigen Kontakt zu einem Richter beim Vormundschaftsgericht aufnehmen. Hier kommen deutlich tiefsitzende Ängste und Vorurteile im Umgang mit psychisch Leidenden zum Ausdruck, indem erst einmal mit dem schlimmstmöglichen gerechnet wird, ohne nach alternativen Wegen und Hilfsmöglichkeiten Ausschau zu halten: Zwangseinweisung nicht als letzte Möglichkeit, sondern als eine Möglichkeit unter anderen zur "Krisenintervention".
Dabei gibt es in unserer Gesellschaft vielfältige Möglichkeiten zur Ausübung von Zwang an psychisch Leidenden. Direkter Zwang durch Polizei und richterlichen Beschluß bis hin zu subtileren Formen wie Überredung, der Androhung von Polizei oder anderer Maßnahmen. Nach BRUNS stellt sich die Situation in Deutschland folgendermaßen dar: Es "werden jährlich etwa 400.000 Menschen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Für etwa ein Zehntel von ihnen, ca. 40.000 Menschen, vollzieht sich der Klinikeintritt gegen ihren ausdrücklichen Willen unter Beihilfe der Polizei und unter juristischer Absicherung durch einen Gerichtsbeschluß; ein Teil der primär aus eigenem Entschluß eingetretenen Patienten wird entgegen dem eigenen Willen mit gerichtlicher Genehmigung in der Klinik zurückgehalten. Wieviele Menschen zusätzlich durch die Androhung, Polizei und Gericht einzuschalten, zum Eintritt oder Verbleib in einer psychiatrischen Klinik bewegt werden, wissen wir nicht. Ihr Anteil dürfte nicht gering sein." Es kann also davon ausgegangen werden, daß ein erheblicher Anteil der PatientInnen in einer psychiatrischen Klinik sich dort nicht freiwillig aufhält.
In diesem Zusammenhang weist BRUNS auch auf die Ähnlichkeiten und Überlappungen der Psychiatrie mit einem anderen Bereich hin, in dem massiv und mit Zwang soziale Kontrolle ausgeübt wird: dem Polizei- und Justizbereich. Polizei und Justiz sind nicht nur an Zwangseinweisungen in psychiatrische Krankenhäuser maßgeblich beteiligt, beide Bereiche arbeiten auch in den forensischen Psychiatrieabteilungen zusammen, und die Psychiatrie definiert in ihren Diagnosen Straftaten als Symptome psychischer "Krankheiten". Außerdem führt er zur Verhärtung seiner These, daß beide Bereiche ein und denselben Kontrollauftrag haben, bestehende Analogien zwischen Zwangseinweisungen und Inhaftierungen im Strafvollzug an (formale Entsprechungen, Einschränkung der persönlichen Freiheit, Abschreckungseffekt und der vorwiegend betroffene Personenkreis).
Der wesentliche Unterschied zwischen den Möglichkeiten der Psychiatrie im Verhältnis zu Polizei und Justiz besteht in dem Anspruch der Psychiatrie, zum Besten der Betroffenen zu handeln, ihnen helfen zu wollen und sie zu heilen. Häufig wird auch das Argument der Prävention angeführt. Dies wird mit wissenschaftlichen Begründungen untermauert und rechtfertigt aus Sicht der PsychiaterInnen auch Zwangsmaßnahmen. Hier wird eine große Gefahr deutlich: Aufgrund ihrer "psychischen Krankheit" werden die Rechte der Betroffenen eingeschränkt. Gleichzeitig haben sie kaum eine rechtsstaatliche Möglichkeit, dagegen auf irgendeine Art Berufung einzulegen. "Das 'in dubio pro reo' (im Zweifel für den Angeklagten) der Justiz ist in der Psychiatrie schon lange zu einem 'in dubio pro societate' (im Zweifel für die Gemeinschaft) oder 'in dubio pro re publica' (im Zweifel für das Staatswohl) geworden."
FINZEN u. a. haben über die Häufigkeit und konkreten Ursachen für Zwangsbehandlung in der Psychiatrie eine Untersuchung gemacht und sind unter anderem zu folgenden Ergebnissen gekommen: "Zwei Drittel (63%) der zwangsmedizierten Kranken waren ursprünglich freiwillig in die Klinik gekommen. Ein Drittel (31%) erinnerten sich nicht, daß der Zwangsmaßnahme Vorankündigung, Vorandrohung oder Vorverhandlung vorausgegangen war." Aus Sicht der PsychiaterInnen wurde "die Zwangsmedikation ... durchweg nicht als vermeidbar angesehen. (...) Nur 10% aller Patienten wurden Alternativen angeboten."
Grundsätzlich sind "chemische Präparate, Operationen, Bestrahlungen usw. ... Eingriffe in den menschlichen Körper ... [und, M. H.] auch als ärztliche Maßnahmen zunächst einmal Körperverletzung. Diese wird durch die Zustimmung der Betroffenen gerechtfertigt und damit rechtmäßig. Diese Zustimmung ist nur wirksam, wenn der Arzt über die Vor- und Nachteile und über die Risiken und Chancen genügend aufgeklärt hat." Rechtlich gesehen, berechtigt auch eine gerichtlich angeordnete Unterbringung nicht automatisch dazu, eine wie auch immer geartete ärztliche Zwangsbehandlung vorzunehmen. Für eine Behandlung ist die Zustimmung des/der Betroffenen oder des/der gesetzlichen Vertreters/-in erforderlich, sofern die Betreuung den Wirkungskreis der Heilbehandlung umfaßt. Freiheitsentziehende Maßnahmen wie Einsperren, Fixierung etc. bedürfen gemäß BtG § 1906 (4) neben der Zustimmung des/der Betreuers/-in der Genehmigung des Vormundschaftsgerichtes.
Neben dem Betreuungsrecht bestehen die länderrechtlichen Psychisch-Kranken-Gesetze (PsychKGe), die inhaltlich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind. In ihnen ist häufig vom "Recht (der Betroffenen) auf Behandlung" die Rede, aus dem einige PsychiaterInnen die Konsequenz ziehen, daß ÄrztInnen zur Hilfeleistung verpflichtet seien, auch gegen den Willen der Betroffenen. Zudem argumentieren sie dahingehend, daß die psychisch Leidenden nicht wüßten, was gut für sie sei. Ebenso wie bei der Zwangseinweisung wird die Weigerung der Betroffenen gegen diese Maßnahmen ihnen häufig als ein Symptom ihrer "Krankheit" ausgelegt - sie sind nicht "krankheitseinsichtig", leiden unter "Verfolgungswahn" oder "Vergiftungsideen" und wollen deshalb nicht "behandelt" werden. "Bezeichnenderweise diskutieren sie [die PsychiaterInnen, Anm. M. H.] meist die Verweigerung von Neuroleptika oder Elektroschocks, als würde die unvernünftige Ablehnung dieser - selbst unter Psychiatern und Medizinern umstrittenen - Behandlungsmethoden kausal oder akut zum Tode oder zu schwerer Gesundheitsgefährdung führen, vergleichbar mit einer verhinderten Operation bei Blinddarmdurchbruch."
Es stellt sich die Frage, ob ein "Verfolgungswahn" nicht vielleicht erst durch das konkrete Erleben von körperlichen Zwang entsteht, wie der Erlebnisbericht einer Betroffenen zeigt: "Viele Medikamente, häufig gleich eine Depotspritze, gegen die ich mich sehr wehre. Ich werde dann vom Pflegepersonal mit Gewalt festgehalten, und es wird gespritzt. Anschließend werde ich mit einem Gurt ans Bett gefesselt ... Durch diese rohe Gewalt entstehen bei mir ganz furchtbare Ängste, und die manchmal positive Psychose schlägt um in grausame wirre Gedanken mit noch viel mehr Angst. Ohnmächtig und völlig alleingelassen fühle ich mich durch die gewaltsame Spritze und die Fesselung."
BRUNS stellt darüber hinaus die Hypothese auf, daß durch psychiatrische Gewalt die Traumatisierung von möglicherweise vorhandenen Erlebnissen der Betroffenen in ihrer Kindheit noch verstärkt wird: "Wiederholt sich in der Anwendung von psychiatrischem Zwang in unglücklicher Weise für betroffene Patienten eine Beziehungs- und Erlebniskonstellation der frühen Biografie? Oder ist die Anwendung von Zwang darüber hinaus das institutionalisierte Komplementärverhalten der Psychiatrie gegenüber Menschen, die als wesentlichen Anteil ihres Selbstkonzeptes die Erwartung in sich tragen, gewalthaft behandelt zu werden?"
In jedem Fall kann man sagen, daß unter Zwang ausgeführte "Behandlungen" keine Maßnahmen sind, mit denen eine Besserung des Zustandes der Betroffenen erreicht werden kann, da die Gewalt in keinem Verhältnis zu dem (dahingestellten) möglichen therapeutischen Nutzen steht.
Die Idee eines "Psychiatrischen Testaments" brachte Thomas Szasz Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal auf. Der zugrundeliegende Gedanke bestand in einer Vorausverfügung von Psychiatrie-Betroffenen für den Fall einer zukünftigen unfreiwilligen psychiatrischen Behandlung. Diese Vorausverfügung muß im Zustand einer nicht angezweifelten geistigen "Normalität" verfaßt werden.
Durch ein "Psychiatrisches Testament" können sich die Betroffenen nicht allgemein vor psychiatrischen Zwangsmaßnahmen schützen; in ihm berufen sie sich lediglich auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Im 1987 in Deutschland veröffentlichten Mustertext eines "Psychiatrischen Testamentes" werden hauptsächlich ungewollte "Behandlungs"formen zurückgewiesen.
In den wenigen bekannten Fällen, bei denen die Betroffenen eine solche Vorausverfügung getroffen hatten, beugten sich die PsychiaterInnen den darin enthaltenen Forderungen. LEHMANN beschreibt die Situation nach der Publikation des "Psychiatrischen Testamentes" aus seiner Sicht: "In Diskussionen über die neue Situation beklagten sich die betroffenen Psychiater darüber, daß sie nun zur Untätigkeit verurteilt seien, denn außer Neuroleptika hätten sie nichts anzubieten. Die Zwangsuntergebrachten wurden von den Psychiatern, die zuvor noch wegen 'Selbst- und Fremdgefährdung' auf monatelange Einsperrung in die Anstalt plädiert hatten, jeweils innerhalb weniger Tage wieder in die Freiheit entlassen - unbehandelt und plötzlich 'genesen'." Inwieweit das "Psychiatrische Testament" auch weiterhin in der Praxis wirksam ist, bleibt abzuwarten.
Wohnheime führen Akten, schreiben für den Kostenträger Entwicklungsberichte, PsychiaterInnen schreiben psychiatrische Gutachten in Strafverfahren, übermitteln Krankenberichte als Begründung für die Weiterbehandlung an die Kostenträger, führen Gespräche über die "Fälle" mit Angehörigen, BetreuerInnen und MitarbeiterInnen der Einrichtungen, sozialpsychiatrische Dienste schreiben Berichte für die behandelnden ÄrztInnen usw. usw. - die Liste erscheint endlos. Und von den meisten Berichterstattungen sind die Betroffenen ausgeschlossen oder sie wissen erst gar nichts davon.
In psychiatrischen Einrichtungen findet aus bürokratischen und kostentechnischen Gründen eine ständige Erfassung und Weitergabe von persönlichen Daten der Betroffenen statt, auf die die Betroffenen selber keinen Einfluß haben. Schlimmer noch: Ihnen wird zumeist sogar das Recht auf Einsicht und Aushändigung ihrer eigenen Akten verweigert. Bei zivilrechtlicher Unterbringung besteht ein Recht auf Akteneinsicht nämlich nur für die objektiven Daten, nicht aber für psychiatrische Diagnosen und psychologische Beschreibungen und Bewertungen des Verhaltens und der Persönlichkeit der Betroffenen. Bei öffentlich-rechtlicher Unterbringung haben die Betroffenen zwar prinzipiell das Recht auf Einsicht in ihre Akten; es kann ihnen aber verwehrt werden, wenn diese nach Ansicht der Psychiater eine erhebliche Gefahr der Selbstschädigung (z. B. Suizid) hervorrufen würde. Diese Begründung wird daher relativ häufig angeführt, wenn die Betroffenen eine Akteneinsicht fordern.
Peter LEHMANN führte beispielsweise zwölf Jahre lang eine Klage auf Einsicht seiner Akte. "Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, wie groß die Angst der Psychiater ist, möglicherweise noch vorhandenes Vertrauen von seiten der Betroffenen und ihrer Angehörigen zu verlieren, denn auch letztere werden, wenn sie sich auf Gespräche mit Psychiatern einlassen und Familiengeschichten preisgeben, psychiatrisch beurteilt." Kerstin KEMPKER hat auf diese langwierige Klage verzichtet und ihre Akte vor Ort gestohlen und dadurch zum ersten Mal in Erfahrung gebracht, welche Mengen von Psychopharmaka ihr als Siebzehnjährige in der Psychiatrie verabreicht wurden, ganz zu schweigen von den Elektro- und Insulinschocks, die an ihr vorgenommen wurden.
Obwohl PsychiaterInnen, Pflegepersonal, BeamtInnen, RichterInnen und Verwaltungspersonal der Schweigepflicht unterstehen, kommt es häufig vor, daß Daten weitergegeben werden, z. B. an die Führerscheinbehörde oder die Polizei. Das kann dann eine Aufforderung an die Betroffenen seitens der Führerscheinbehörde zur Folge haben, sich dort einer medizinisch-psychologischen Untersuchung zu unterziehen, was schlimmstenfalls sogar zum Entzug der Fahrerlaubnis führen kann. Auch die Sozialpsychiatrischen Dienste geben Daten aus Beratungsgesprächen an Gesundheitsämter, psychiatrische Kliniken oder Gerichte weiter, wenn sie z. B. eine Unterbringung oder Betreuung für angebracht halten.
Diese Praktiken werden manchmal dadurch legalisiert, daß PsychiaterInnen ihren PatientInnen raten, sie ihrer Schweigepflicht zu entbinden.
"Auch der 5. Jugendbericht (1980) verweist auf eine Tendenz, daß Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten von Behörden und Eltern zunehmend dem medizinischen Bereich zugewiesen werden. Angehörige nichtmedizinischer Berufe wie Erzieher, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Psychologen und Kinder- und Jugendlichentherapeuten benutzen eine Sprache, die vermehrt mit Begriffen der Psychiatrie und Medizin durchsetzt ist. Institutionen der Jugendhilfe holen häufiger psychologische Gutachten ein und vermitteln die Einweisung in psychiatrische Krankenhäuser zu Beobachtung, Diagnose und Behandlung."
In ihrer Untersuchung dieser Zusammenhänge stellt Inge COBUS-SCHWERTNER folgende Gründe der sozialpädagogischen Einrichtung, eine psychiatrische Untersuchung der Jugendlichen oder ihre Einweisung in psychiatrische Kliniken zu veranlassen, fest:
Dazu kommt, daß sich unter anderem dadurch, daß die MitarbeiterInnen der Einrichtungen meist Einblick in psychiatrische Beurteilung der Jugendlichen haben, ihre Sprache und ihre Definitionsinhalte denen der PsychiaterInnen angleichen.
BEUSCHER weist in diesem Zusammenhang auf die Gefahr hin, daß "schwierige, stark sozial auffällige Kinder und Jugendliche ... über diesen Weg nicht selten als Psychiatriefälle stigmatisiert" werden. Dadurch wird einer möglicherweise lebenslangen Psychiatriekarriere der Jugendlichen Vorschub geleistet. Er fordert unter anderem eine rechtlich verbindliche "Rahmenstruktur der fachlichen Kooperation, sowohl auf vertikaler Ebene (zwischen den einzelnen Diensten und Einrichtungen) als auch auf der horizontalen Ebene (stationär, komplementär und ambulant)".
Das KommRum in Berlin-Friedenau
"'Komm 'rum' ist als freundliche Einladung gedacht und dient gleichzeitig als Abkürzung für 'Kommunikationszentrum' - ein Treffpunkt, den Menschen aufsuchen, wenn sie Hilfe bei ihren persönlichen Problemen brauchen, aber auch, wenn sie sich mit anderen zusammen vergnügen wollen."
1980 wurde das KommRum von einer Gruppe engagierter DiplompsychologInnen gegründet. Zu diesem Zweck mieteten sie ein ehemaliges Fabrikgebäude an, ein "Hinterhaus einer kleinen Villa in Friedenau, einem ruhigen, eher bürgerlichen Stadtteil am südlichen Rande der Innenstadt." Den größten Anteil an dem Startkapital (50.000 DM) steuerten die Gründungsmitglieder aus eigenen Mitteln bei, die sie sich nach drei Jahren wieder zurückzahlen konnten. Weitere Mittel stammten vom Netzwerk e. V. und aus privaten Spenden. Das Haus bauten die Mitglieder gemeinsam mit FreundInnen und Bekannten in Eigenarbeit zum Kommunikationszentrum um.
Die Angebotspalette des KommRum besteht aus vier Bereichen:
Diese Bereiche stelle ich im folgenden kurz vor:
Psychotherapie und Beratung ist der Bereich, der dem KommRum - vor allem in seinen Anfangszeiten - die meisten Einnahmen bringt. Die Kosten für die Therapie übernehmen teils die Krankenkassen, teils das Sozialamt. Viele der KlientInnen müssen allerdings ihre Therapie selbst finanzieren. In diesen Fällen richten sich die Kosten nach dem jeweiligen Einkommen. Im KommRum arbeiten sechs DiplompsychologInnen als selbständige PsychotherapeutInnen (Stand: Februar 1994). Das Therapieangebot "richtet sich an sehr verschiedene Menschen. Es kommen ältere und jüngere Menschen, Menschen mit Psychiatrieerfahrung, Menschen in akuten Krisen, Menschen mit chronischen Symptomen sowie mit psychosomatischen Beschwerden ..., um sich beraten zu lassen und gegebenenfalls auch therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen." Um diesem unterschiedlichen Klientel gerecht zu werden, werden verschiedene Therapieformen (Einzel-, Gruppen-, Paar- und Familientherapie) angeboten. Dort finden auch verschiedene therapeutische Methoden Anwendung: Verhaltens- und Gesprächstherapie, Psychodrama, Familien-, Gestalt- und Körpertherapie u. a. "Der zu wählende therapeutische Ansatz ist in erster Linie davon abhängig, was für die Persönlichkeit des Klienten und dessen Problem als angemessen erscheint." Dabei versuchen die TherapeutInnen, "mehr problem- als methodenorientiert zu arbeiten". Denn an erster Stelle steht nach dem Selbstverständnis des KommRum in der therapeutischen Beziehung die direkte "Begegnung zweier Menschen mit ihren persönlichen Eigenarten, Vorlieben und Beschränkungen." Zusätzlich zu den Therapien wird einmal wöchentlich für insgesamt zwei Stunden eine "kostenlose psychologische Einzelberatung, Beratung für Therapie und betreutes Wohnen" angeboten. Die Menschen, die diese Beratung in Anspruch nehmen, "suchen [meist, M. H.] in einer akuten Krise mit sich, ihren Angehörigen oder Nachbarn Rat und Hilfe, versuchen sich erst einmal grundsätzlich zu informieren, sind auf der Suche nach dem letzten Strohhalm oder sind auch manchmal fast schon Stammgäste, die eben immer wieder mal zwischendurch einem Therapeuten ihr Herz ausschütten wollen". Außerdem gibt es die KBS, die die KlientInnen im Rahmen der normalen Caféöffnungszeiten in Anspruch nehmen können. Auf diese gehe ich weiter unten bei der Beschreibung des Bereiches Café/KBS näher ein.
Für das KommRum haben Selbsthilfe und Selbsterfahrung sowohl für MitarbeiterInnen als auch für BesucherInnen gleichermaßen eine wichtige Bedeutung. Die MitarbeiterInnen verstehen sich "als eine Selbsthilfegruppe, die in Eigeninitiative selbstbestimmte Arbeitsplätze aufbaute und eine Alternative zum bestehenden Gesundheitssystem sein wollte. Gleichzeitig war ... [ihr, M. H.] Anliegen, durch Selbsterfahrung und kritische Auseinandersetzung miteinander andere Kommunikations- und Umgangsformen zu entwickeln, was ... [sie, M. H.] als Voraussetzung ansahen, um auch mit den Gästen des KommRums 'anders umzugehen'." Für die BesucherInnen gibt es zum einen die angeleiteten Selbsterfahrungsgruppen wie Aikido, Theater, Bauchtanz, Yogakurse, Trommeln, Volkstanz u. a. Regelmäßig werden auch Meditationen angeboten. LeiterInnen solcher Gruppen können, aber müssen keine MitarbeiterInnen sein. Bei den Selbsthilfegruppen dagegen gibt es keine Leitung; deren Mitglieder sollen lernen, in Selbsthilfe und mit gegenseitiger Unterstützung mit ihrer Situation zurechtzukommen. Die MitarbeiterInnen sehen ihre Aufgabe in diesem Bereich darin, "Starthilfe zu geben, als Ansprechpartner und Berater zur Verfügung zu stehen und die Gruppen miteinander in Kontakt zu bringen." Im Laufe der Zeit gab es Selbsthilfegruppen zu verschiedenen Themenbereichen: Alkoholiker-, Krebs-, Männergruppen, aber auch Gruppen, die nicht themenspezifisch arbeiten.
In dem Bereich Psychiatrische Aktion "geht es um Aktivitäten mit dem Ziel, die Psychiatrie längerfristig überflüssig zu machen und Modelle für einen anderen Umgang mit Menschen in seelischer Not zu entwickeln." Daraus haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Initiativen und Projekte entwickelt, die teilweise noch direkt zum KommRum gehören und teilweise eigenständig geworden sind:
Heute ist der Bereich Wohnen ein eigener Arbeitsbereich im KommRum, während die Psychiatrische Aktion von einer Arbeitsgruppe geplant und organisiert wird.
Das Café ist für die BesucherInnen des KommRum der erste Bezugspunkt, ein "Treffpunkt für die verschiedenen Szenen, die von einer ganzen Bandbreite unterschiedlicher Aktivitäten und Themenangebote im Hause angezogen" werden, also Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrung. So ist das Café mit integrierter KBS ein niederschwelliges Angebot für Menschen mit psychischen Problemen: Sie können sich dort erst einmal orientieren, sich einen Überblick verschaffen über die Angebote des KommRum. Dabei bleibt es ihre eigene freiwillige Entscheidung, ob sie etwas davon in Anspruch nehmen oder einfach nur ihren Kaffee trinken wollen. Sie "bekommen kein Programm, keine Behandlung übergestülpt." Damit stellt das Café (auch räumlich) das Zentrum des KommRum dar, von dem aus alle weiteren Aktivitäten und Angebote ausgehen.
Das für die MitarbeiterInnen des KommRum wichtigste Prinzip ist die Idee des selbstorganisierten, selbstbestimmten und selbstverwalteten Arbeitsplatzes. Diesen Grundsatz hat das KommRum mit anderen alternativen Projekten, die in den 70er und 80er Jahren entstanden sind, gemeinsam. Das führte in der Anfangszeit häufig zu internen Problemen: Die einzelnen Arbeitsbereiche waren finanziell unterschiedlich gut bestückt (der Therapiebereich z. B. deutlich besser als das Café), sodaß in den schwächeren Bereichen mehr ehrenamtliche Arbeit geleistet werden mußte. Die Ehrenamtlichen waren dadurch wieder auf Einkünfte außerhalb des KommRum angewiesen, was dazu führte, daß sie im Projekt nicht so präsent sein konnten. Durch diese Konstellation bildeten sich unterschwellig informelle Hierarchien innerhalb des Projektes. Das wurde noch dadurch gefördert, daß in den finanziell besser gestellten Bereichen mehr bzw. "höher gestellte" ExpertInnen arbeiteten (DiplompsychologInnen im Therapiebereich gegenüber SozialarbeiterInnen, PraktikantInnen, Zivildienstleistenden und Ehrenamtlichen im Cafébereich).
Aufgrund dieser und ähnlicher Erfahrungen rückte das KommRum von dem Ideal der "totalen Demokratie" ab und lehnte sich in seiner Struktur eher an Ideen der Genossenschaftsbewegung und der Rätedemokratie an. Durch die steigende Anerkennung des KommRum als Teil des psychosozialen Gesundheitssystems in Berlin, konnten auch immer mehr Stellen finanziert werden, sodaß der Unterschied zwischen "Profis" und "Nicht-Profis" nicht mehr so gravierend war. Momentan bekommt das KommRum bei ständiger Vergrößerung des Projektes allerdings die allgemeinen Kürzungen der Mittel im Sozialbereich verstärkt zu spüren.
Die heutige Binnenstruktur des KommRum sieht folgendermaßen aus:
Der Delegiertenrat besteht aus je einem/einer VertreterIn der drei Arbeitsbereiche (Café/KBS, Wohnen und Therapie/Beratung), der vor allem organisatorische Entschlüsse fällt. Kann sich der Delegiertenrat nicht einigen bzw. ist die zu treffende Entscheidung zu tiefgreifend, wird eine Mitgliedervollversammlung einberufen. Diese stellt damit das höchste Entscheidungsgremium des KommRum dar. Ein regelmäßig stattfindendes Plenum verhilft dazu, daß der Kontakt der Arbeitsbereiche untereinander nicht verloren geht. Das Plenum dient dem Austausch der Bereiche untereinander und der Diskussion inhaltlicher Fragen. Die Arbeitsgruppe Psychiatrische Aktion ist für die konzeptionelle Entwicklung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig: Diskussion von gesundheits- und sozialpolitischen Fragen, Vertretung des KommRum nach außen in Gremien und Arbeitsgruppen und Planung und Initiierung neuer Projekte. Einmal jährlich findet für alle MitarbeiterInnen des Projektes eine Projektsupervision statt: Dort "bearbeiten wir die aus dieser speziellen Situation [nämlich der weitgehenden Autonomie der Arbeitsbereiche gegenüber der gleichzeitigen Einheit des Projektes, M. H.] resultierenden Beziehungsprobleme und Schwierigkeiten und überprüfen und entwickeln unsere gemeinsamen Ziele und Ideale".
Dem KommRum ist es gelungen, sein ursprüngliches Ziel zu erreichen, nämlich ein Kommunikationszentrum für "Verrückte" und "Normale" zu sein. Sein breites Spektrum an Angeboten spricht sowohl Psychiatriebetroffene und Menschen mit psychischen oder psychsomatischen Problemen als auch Menschen an, die einfach "nur" Gesellschaft haben oder an bestimmten Aktivitäten teilnehmen wollen. Die BesucherInnen (und das trifft nicht nur auf die Psychiatriebetroffenen zu) kommen in erster Linie in das KommRum wegen seiner speziellen Atmosphäre: "Das Umfeld von Therapie und Beratung, von Selbsterfahrungs- und Ggesprächsgruppen bürgt dafür, daß die Auseinandersetzung mit dem persönlichen Glück und Leid, mit Kontaktwünschen und Einsamkeit, mit dem Sinn der eigenen Existenz hier offener als in anderen Lokalen auf den Tisch kommt. Das verwischt die überscharfe Trennungslinie zwischen 'Normalen' und 'Verrückten', denn mit solchen Fragen beschäftigen sich alle, die hierher kommen."
Die nun folgende (selbstverständlich nicht starr zu verstehende) "Typisierung" der Menschen, die das KommRum in Anspruch nehmen, soll einen Einblick in die vielfältigen Bedürfnisse der BesucherInnen geben, mit denen die MitarbeiterInnen täglich konfrontiert werden: In das KommRum kommen
Was ist am KommRum anders als in üblichen sozial- oder gemeindepsychiatrischen Einrichtungen? Wo bietet das KommRum alternative Ansätze im Umgang mit psychisch Leidenden? Von welchem Menschenbild geht das KommRum in seiner Arbeit aus? Im folgenden Kapitel suche ich nach Antworten auf diese und andere Fragen und zeige auf, inwiefern dieser alternative Zugang zum Problem des psychischen Leidens den Betroffenen guttut, weil sie dort Beziehungen erleben, die in anderen psychiatrischen Institutionen allein aus strukturimmanenten Gründen erst gar nicht entstehen können.
Die allgemeine Ursache für Ver-rücktheit liegt nach dem Verständnis des KommRum in tiefgreifenden und/oder sich ständig wiederholenden Verletzungen eines Menschen. Ungünstige Umstände können in einem solchen Fall verstärkend dazu beitragen, daß sich die Betroffenen in ihre eigene Wirklichkeit flüchten. Eine dieser Faktoren kann darin bestehen, daß es für die Betroffenen an Hilfe und Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld mangelt. "Wer so verzweifelt ist, daß er sich eine eigene Wirklichkeit schaffen muß oder versucht, sein unerträgliches Dasein zu beenden, hat vermutlich keine ausreichend tragfähigen Beziehungen zu anderen Menschen. Manchmal sind die, die ihm nahestehen, noch mit in sein Elend verstrickt, verwirren zusätzlich statt zu unterstützen." Oft sind die Betroffenen auch (vor allem während einer solchen psychischen Krise) nicht mehr in der Lage, Belastungen im sozialen Kontakt mit anderen "richtig" einzuschätzen und "angemessen" darauf zu reagieren - die Angst vor möglichem Versagen und vor Enttäuschung ist zu groß, sodaß es einfacher erscheint, sich durch Ver-rücktheit der eigenen Verantwortlichkeit zu entziehen als der Situation standzuhalten.
Grundsätzlich sind ver-rückte Ausdrucksformen im (Lebens-)Kontext verstehbar, eine Kommunikation mit Ver-rückten somit möglich. "Erster und wichtigster Schritt ist, Kontakt herzustellen und einen ersten Versuch der Übersetzung zu beginnen."
Kontakt herzustellen ist so wichtig, weil Betroffene vor allem darunter leiden, daß sie einsam sind. Dabei ist es unwesentlich, ob die Einsamkeit eine Ursache oder Folge des Zurückziehens in eine andere Wirklichkeit ist - andere Menschen reagieren auf ver-rücktes Verhalten oft mit Befremden oder sogar Angst und ziehen sich von dieser Person zurück. Damit hat der/die Betroffene einerseits erreicht, was er/sie bewußt oder unbewußt wollte, nämlich eine Konfrontation zu vermeiden, wird aber andererseits noch stärker in die Einsamkeit getrieben, ein Teufelskreis, der immer schwerer zu durchbrechen ist. Dabei darf auch nicht vergessen werden, daß das Erleben der eigenen Ver-rücktheit neben einsamen und anderen negativen Empfindungen auch durchaus Momente beinhaltet, die von den Betroffenen als äußerst lustvoll empfunden werden: die Energien körperlicher und geistiger Art, die während der Verrücktheit plötzlich freigesetzt werden und die bis zur Ekstase gehen können, das sichere Gefühl, HerrscherIn im eigenen Reich zu sein, können die Betroffenen regelrecht süchtig nach diesem Zustand machen. Aber: "Es ist ähnlich wie bei den sonstigen Suchtmechanismen: Der Preis ist zu hoch. Und auch der vorübergehende Gewinn, die Ekstase, hat bei aller Eindringlichkeit etwas Hohles, die reduzierte Qualität eines Filmes, eines Traumes, sie bleibt flüchtig. Es gibt eben nichts Realeres, Handfesteres als die Wirklichkeit, die einen mit den anderen Menschen verbindet, so schmerzhaft sie manchmal auch ist."
Dieses Erlebnis der Einsamkeit, die Erfahrungen von Verletztwerden und eigenem Versagen im Umgang mit anderen Menschen werden durch die gesellschaftliche Stigmatisierung als "Verrückte/r" noch verstärkt. Psychiatriebetroffene sind durch diese Stigmatisierung im Alltag vielfältigen immer wieder auftretenden Entwürdigungen ausgesetzt:
Dies alles führt bei Psychiatrie-Betroffenen zu einer Lethargie (im Sinne von: "Ich kann ja doch nichts ändern!"), die nur gelegentlich bei konkreten Anlässen von emotionalen Ausbrüchen (Wut, Haß, Trauer etc.) unterbrochen wird. Dazu LUGER: "Die Biografien unserer Gäste sind voll von heftigen, kurzlebigen Ausbrüchen, die sie mit um so größerer Sicherheit wieder in die Arme der Psychiatrie trieben. Solche Erfahrungen mit dem eigenen Aufbegehren legen es nahe, die Wirklichkeit etwas zu verschleiern und sich in Passivität und Apathie zu flüchten. [...] Das Leben bewegt sich in einem engen Kreis, schließt neue Erfahrungen aus, damit das labile Gleichgewicht nicht gestört wird."
"Laßt uns Menschen, Menschen sein,
laßt uns Menschen nicht allein.
Ihr Menschen seid doch auch allein.
Last es uns ins Reine bringen dann macht das Leben auch mehr Freud und
sein
und wir brauchen nicht mehr schrein !!!"
- H. Rehwaldt -
Der Ausgangspunkt des KommRum, wie ihn Hans LUGER programmatisch im Titel seines Buches zusammengefaßt hat, besteht darin, einen Rahmen zu bieten, in dem "der andere Alltag mit Verrückten" gestaltet werden kann. Das KommRum soll ein Ort sein, an dem "verrückte" und "normale" Menschen in erster Linie gemeinsam ihre Freizeit verbringen und der nicht wie andere psychiatrische Institutionen ausschließlich aus einem Leidensdruck heraus aufgesucht wird: "Freude und Leid sind nicht unabhängig voneinander zu sehen, haben direkt miteinander zu tun. Die übliche gesellschaftliche Aufspaltung in Orte für Lust und Institutionen, die für das Leid zuständig sind, teilt das Leben mit seinen Widersprüchen in zwanghafter Weise auf und produziert entsprechende einseitige Rollen: Die, die immer 'gut drauf' sein müssen, egal, wie es ihnen wirklich geht, und die, die chronisch unglücklich sind und nicht zu glauben wagen, daß sie auch durchaus mal Grund zum Lachen finden können." Das KommRum will den Menschen, ob "verrückt" oder "normal", in seiner Ganzheit ansprechen inklusive seiner "verrückten" und "normalen" Anteile.
Ein Grundgedanke des KommRum war, die Ideen der verschiedenen emanzipativen und kritischen Bewegungen, die in den 70er und 80er Jahren aufkamen, im wörtlichen Sinn unter ein Dach zu bringen. Damit sollten zum einen viele Menschen angesprochen werden; vor allem aber sollte ihnen ein Zentrum geboten werden, in dem sie diese Ideen bewegungsübergreifend zu ihrem "persönlichen Wachstum" nutzen können. Die vielfältigen Ideen und Aktivitäten innerhalb eines Hauses zusammenzubringen, fördert auch die Kommunikation der Bewegungen und nicht zuletzt der Menschen untereinander. Folgenden Bewegungen "entlieh" das KommRum Ansätze und Ideen:
Das Zusammensein und damit die wie auch immer geartete Kommunikation von "Verrückten" und "Normalen" stellt eine Herausforderung für beide Parteien dar, die für beide Seiten gewinnbringend sein kann: Da verrückte Verhaltensweisen im KommRum in der Regel gelassen hingenommen werden, verlieren die "Normalen" schnell ihre anfänglichen Berührungsängste. Manchmal hat ein solches Erlebnis dann sogar zur Folge, daß sie sich selbst freier und ungezwungener fühlen und verhalten können. "Eine einfache Überlegung: Wenn ich mit Leuten zusammen bin, die sich weniger an gesellschaftliche Konventionen halten und deren Ruf ohnehin schon ruiniert ist, dann nimmt das auch mir den Druck, mich besonders tüchtig und frei von Fehlern zeigen zu müssen. Weniger Konkurrenz, mehr Freiräume: 'Hier kann ich so sein, wie ich bin!'" Den "Verrückten" bietet die Anwesenheit von anderen Gästen einen permanenten Anstoß, sich nicht hängen zu lassen, auch aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Für beide Gruppen können durch die Auseinandersetzung miteinander auch andere, neuartige "Zugänge und Bewältigungsmöglichkeiten eigenem seelischen Leiden gegenüber möglich werden".
Die ungezwungene Atmosphäre im KommRum entsteht vor allem dadurch, daß alle Gäste freiwillig dorthin kommen. Jedem/-r bleibt es selbst überlassen, die Angebote zu nutzen oder einfach "nur" einen Kaffee zu trinken, Kontakt zu anderen Gästen aufzunehmen oder alleine zu bleiben. Gleichzeitig "arbeiten hinter der Theke Leute mit offenen Augen für das zwischenmenschliche Geschehen im Raum. Sie helfen Kontakt herzustellen, man kann mit ihnen reden, wenn es einem nicht gut geht. Die angebotenen Aktivitäten und Gruppen erleichtern ... den Zugang zu anderen Gästen - man muß sich hier nicht vollaufen lassen. Veranstaltungen zu aktuellen Themen ... sorgen mit dafür, daß hier nicht einfach die Illusion einer heilen Welt ... aufgebaut wird; gelegentliche Lustbarkeiten, rauschende Feste ... schaffen den Ausgleich für das Übergewicht des Leidens und lenken ab von der ausschließlichen Beschäftigung mit sich selbst." Mit all diesen Dingen werden grundlegende Bedürfnisse (in Gesellschaft sein, unterhalten werden, Gespräch, Anteilnahme, Zuspruch, kreativ sein, feiern, ...) angesprochen, die jeder Mensch hat, Psychiatriebetroffene aufgrund ihrer Einsamkeit vielleicht stärker als andere. Selbstverständlich läuft nicht alles immer ohne Konflikte ab, manchmal funktioniert es einfach nicht miteinander: "Manches geht zusammen zwischen 'Normalen' und 'Verrückten', manches geht nicht, manches geht gut nebeneinander her; sobald wir [die MitarbeiterInnen, M. H.] zuviel Anspruch an Gemeinsamkeit und Integration einbringen, weichen beide Seiten solchem Druck lieber aus und bleiben weg."
Neben dem Café, den Gruppen und Aktivitäten, die für alle offen sind und damit (auch) der Begegnung zwischen "Normalen" und "Verrückten" dienen, gibt es daher auch Angebote, die sich ausschließlich an Psychiatrie-Erfahrene richten. Bei diesen stehen die speziellen Probleme Psychiatriebetroffener, der Erfahrungsaustausch und die Selbsthilfe im Vordergrund. Hierfür zwei Beispiele: Die Gesprächsgruppe "Gibt es ein Leben nach der Psychiatrie?" und der Kaffeeklatsch für Frauen mit Psychiatrieerfahrung.
Wie gehen die KommRum-MitarbeiterInnen aber konkret mit den verrückten Verhaltensweisen ihrer Gäste um? Wie finden sie den Zugang zu der anderen Wirklichkeit der BesucherInnen? Das einzige "Patentrezept" des KommRum besteht in der Authentizität der Begegnung: "Eindeutige emotionale Reaktionen haben, gegenüber allem vernünftigen Argumentieren, die beste Chance, verstanden zu werden." Dahinter steckt die Überlegung, daß es unglaubwürdig ist, von Integration und Gleichberechtigung zu reden und sich dabei gleichzeitig "verrückten" und "normalen" Gästen gegenüber unterschiedlich zu verhalten. Dieser Grundsatz schließt es durchaus ein, auch einmal auf unorthodoxe Weise Kontakt zu BesucherInnen aufzunehmen oder auf verrückte Verhaltensweisen zu reagieren, indem man sich z. B. selbst verrückt verhält, um dem Verhalten des/der anderen die Spitze zu nehmen. Dabei muß diese Reaktion spontan und authentisch sein, da sonst die betreffende Person das Gefühl bekäme, lächerlich gemacht zu werden. Solche Art gemeinsamer spielerischer Kommunikation bietet eine Möglichkeit, sich "aus der kommunikativen Zwickmühle zu befreien, in die mich der andere mit seinen widersprüchlichen Signalen ('Ich muß mit dir reden/ich darf keine Verbindung zulassen') gebracht hat".
Dieses Konzept der Authentizität scheint Erfolg zu haben. Rausschmisse, befristete Hausverbote oder gar das Einschalten der Polizei sind in der Geschichte des KommRum äußerst selten vorgekommen. "Auch wenn wir [die MitarbeiterInnen, M. H.] den einen oder anderen Besucher dann auch mal vor die Tür setzen, erleben wir immer wieder, daß dies die Basis für eine authentischere Beziehung ist und nicht unbedingt zum Kontaktabbruch führt."
Diese Art des Umgangs miteinander setzt allerdings bei den BesucherInnen schon einige soziale Fähigkeiten voraus. Damit (vor allem neue) Gäste dadurch nicht gleich verschreckt wegbleiben, ist es eine wichtige Aufgabe der MitarbeiterInnen, ihnen die Kontaktaufnahme zu erleichtern, ihnen jeden Tag wieder neu zu signalisieren, daß sie im KommRum willkommen sind. Authentizität schließt nämlich auch mit ein, daß die ("verrückten") Gäste nicht einfach sich selbst überlassen werden: "Sie erwecken mit ungewöhnlichem Verhalten unsere Neugier, und ihre Signale gehen nicht spurlos an uns vorüber. Ihre verrückten Botschaften dienen der Kontaktaufnahme ebenso wie der Kontaktverhinderung, und wir wollen darauf auch entsprechend antworten, auch wenn diese Kommunikation dank der Vielschichtigkeit der verrückten Mitteilungen komplizierter ist."
Das KommRum will ein Gegengewicht zur herkömmlichen psychiatrischen Versorgung darstellen, indem es den Betroffenen keine Institution mit Hierarchien, Bürokratie und Verwaltung bietet, sondern einen Ort, an dem sie ihren Alltag verbringen können, die MitarbeiterInnen wirklich ein offenes Ohr für ihre Probleme haben und ihnen lebenspraktische Unterstützung bieten.
Allein vom Konzept her unterscheidet sich das KommRum grundlegend von üblichen Praktiken anderer (sozial-) psychiatrischer Institutionen, und zwar insofern, daß seine "Nutzung für den Besucher freiwillig, anonym, kostenlos und ohne Datenerfassung möglich ist". Die Ziele des KommRum sind Integration von Psychiatriebetroffenen und Prävention bei Menschen in psychosozialen Krisensituationen.
Wie ich im vorherigen Kapitel bereits erläutert habe, bezieht sich das KommRum in seinem Verständnis von psychischem Leiden nicht auf das gängige psychiatrische Krankheitsmodell, sondern geht davon aus, daß Verrücktheit aus der Lebensgeschichte der Betroffenen verstehbar ist. So werden im KommRum bewußt Fachausdrücke und psychiatrische Diagnosen gemieden, weil diese die Lebenswirklichkeit der Betroffenen ausklammern. "Denn natürlich entfernt der professionelle Helfer sich von einem Menschen, der ihn in seiner Not aufsucht oder mit Gewalt zu ihm gebracht wird, wenn er ihn mit psychiatrischen Fachbegriffen bezeichnet und von außen ein Urteil über ihn fällt, statt mit ihm und seiner Wirklichkeit im Kontakt zu bleiben." Psychiatrische Diagnosen führen zu einer Stigmatisierung der Betroffenen, da z. B. "Schizophrenie" gemeinhin als un"heilbar" gilt. Haben die Betroffenen ihre Diagnose erst einmal angenommen und verinnerlicht, ist ihnen damit jede Hoffnung auf eine Besserung ihres Zustandes genommen. "Dahinter steckt ... eine tiefgreifende Haltung des Unterdrückens von Leiden statt Wege zur Lösung zu finden, des Abtrennens des Problems statt seiner allseitigen Beleuchtung, 'Behandeln' statt 'Heilen', Pathologisieren statt Unterstützung der Selbstheilungspotenzen..." Diese "Magie der Begriffe" nimmt den Betroffenen, die sich darauf eingelassen haben, aber gleichzeitig auch jegliche Verantwortlichkeit und Kompetenz bezüglich ihrer Lebensgestaltung ab - sie sind ja "krank". Eine durchlebte Psychiatriekarriere kann bei solchen Menschen dann dazu führen, daß sie einen immensen Versorgungsanspruch entwickeln: "Das Leben als Kindergarten... Man muß nur noch rechtzeitig die nötigen Symptome produzieren, sich nicht mehr selbst um sein Leben kümmern, dann wird schon irgendein Helfer es nicht mehr aushalten und für einen entscheiden." Das KommRum will insofern einen "anderen Alltag mit Verrückten" leben, als daß den Betroffenen ihre Eigenverantwortlichkeit zugestanden wird, sie sogar verstärkt zur Eigeninitiative angeregt und angehalten werden und sie nicht wie in der Psychiatrie lediglich verwaltet, versorgt und ihr verrücktes Erleben und ihr Leiden durch Psychopharmaka gedämpft werden.
In diesem Zusammenhang hat das KommRum eine kritische Position zu Psychopharmaka eingenommen. Im Café erleben die MitarbeiterInnen täglich deren Auswirkungen auf die BesucherInnen. Ins KommRum kommen oft Menschen, die in der Psychiatrie zwangsuntergebracht waren und deren alleinige "Therapie" in hohen Dosen von Medikamenten bestand: "Viele wurden wieder entlassen, wenn die verrückten 'Symptome' von den Medikamenten ausreichend unterdrückt waren, ohne daß sie auch nur einen Ansatzpunkt für die Frage gewonnen hätten, was mit ihnen los war, was diese verrückten Erlebnisse eigentlich bedeuteten." Das KommRum wendet sich gegen die zwangsweise Verabreichung von Psychopharmaka und auch gegen die subtile Beeinflussung durch PsychiaterInnen, um ihre PatientInnen zur Medikamenteneinnahme zu bewegen. Durch Beratung und menschliche Begleitung bei der Entscheidungsfindung will das KommRum dazu beitragen, daß jede/-r BesucherIn in die Lage kommt, "selbst darüber zu entscheiden, ob er [/sie, M. H.] Psychopharmaka nimmt, welche das sein sollen, und wieviel."
Das Ziel des KommRum ist "Entpsychiatrisierung". Es wendet sich damit auch gegen die Tendenzen der sogenannten "Gemeindepsychiatrie", mit hohem bürokratischen Aufwand die Verwaltung der Betroffenen auf immer mehr Lebensbereiche auszuweiten. Das KommRum will "nicht immer mehr und immer bessere, sondern immer weniger psychiatrische Versorgung: weniger Sondersituationen, dafür mehr Alltag." Es will darauf hinarbeiten, daß "'Betreuung' ... reduziert [wird, M. H.] auf die Situationen, wo sie wirklich unverzichtbar ist, und ... kein Dauerzustand, sondern frei vereinbart und wieder aufhebbar".
Im Hof vor dem Eingang steht eine große Eiche. Über eine Treppe gelange ich in das Café, einen großen, freundlich hellen Raum. Das Café ist das räumliche Zentrum des KommRum, von dem aus man in die Gruppenräume gelangt. Diese befinden sich teils auf der selben Ebene, teils im ersten Stock. Ein Zivildienstleistender hat mir geraten, mich für Auskünfte über das KommRum an eine der beiden diensthabenden Sozialarbeiterinnen zu wenden. Eine von ihnen, Heidrun Pahl, sagt mir ein Gespräch zu. Während ich auf sie warte, hole ich mir an der Theke eine Cola und setze mich an einen freien Tisch. Außer mir sind noch etwa zehn BesucherInnen anwesend, die sich entweder schon zu Zweier- oder Dreiergruppen gefunden haben oder wie ich alleine am Tisch sitzen. In einer Ecke des Cafés ist offensichtlich gerade die Töpfergruppe zu Gange. Am Nachbartisch sitzt ein etwa 40jähriger Mann, der sich über die Theke hinweg mit den MitarbeiterInnen unterhält und jeden neuen Gast begrüßt und ihn fragt, ob er sich zu ihm setzen möchte. Einer kommt auch schließlich seiner Aufforderung nach. Ich fühle mich momentan ein wenig fehl am Platz, wie ein Fremdkörper: Die anderen kennen sich scheinbar alle untereinander, und ich habe das Gefühl, allein dadurch auffallen zu müssen, weil ich neu bin.
Nach kurzer Zeit kommt Heidrun zu mir an den Tisch. Mein Vorsatz, sie über das KommRum zu interviewen, stellt sich bald als schwierig heraus, weil ich selbst nur wenige konkrete Fragen an sie habe und sie scheinbar nicht einfach von sich aus erzählen kann oder will. Gerade auf meine Fragen nach dem theoretischen Hintergrund und dem Konzept des KommRum gibt sie mir keine konkreten Antworten. Erst im Laufe des Nachmittags/Abends wird mir klar, was sie mir damit vermitteln will, nämlich daß irgendwelche Theorien gerade über die Arbeit des KommRum nur wenig aussagen, diese Arbeit vielmehr lebendig ist und sich und andere durch die Praxis verändert. Sie macht mir dann auch den Vorschlag, mich doch jetzt erst einmal zu den anderen BesucherInnen zu gesellen und danach an dem "Gesprächskreis für Einsteiger" teilzunehmen, um mir selbst ein Bild von der Atmosphäre im KommRum zu machen.
Ich überwinde meine Kontaktscheu und frage den Mann am Nachbartisch, ob ich mich zu ihm setzen darf, da ich von ihm den Eindruck habe, daß er sich über Gesellschaft freut. Nachdem ich mich kurz vorgestellt habe, fragt er mich: "Warum bist du hier? Bist du auch einsam? Hast du keine Freunde?" Als ich ihm wahrheitsgemäß antworte, daß ich nicht aus Einsamkeit gekommen bin, sondern mich das KommRum einfach interessiert, wird er mißtrauisch, weil ihm reines Interesse am KommRum als Grund wohl nicht plausibel erscheint. Ich überlege, ob ich ihm vom Thema meiner Diplomarbeit erzählen soll, entscheide mich aber dagegen, weil er nicht konkreter nachfragt. Ein anderer Gast, der sich zu uns setzt, rettet mich aus der peinlichen Situation. Bis zum Beginn des Gesprächskreises unterhalten wir uns über alles mögliche, Themen, über die man sich häufig unterhält, wenn man sich gegenseitig kennenlernen will.
Ein ziemlich großer Teil der BesucherInnen des Cafés (zwölf Leute) wollen am Gesprächkreis teilnehmen und gehen in den benachbarten Gruppenraum. Der Gesprächskreis wird von Heidrun und einem anderen Mitarbeiter, Holger Wedig, geleitet. Wir beginnen mit dem "Atomspiel": Alle sollen sich zu Musik bewegen und sich, wenn die Musik stoppt, zu einem "Molekül" zusammenfinden, dessen Größe Holger ansagt. Das letzte "Molekül" besteht aus zwei "Atomen". Diese Paare sollen sich dann gegenseitig nacheinander zu zwei Fragestellungen interviewen und nachher die Antworten der jeweiligen PartnerInnen der Gruppe vorstellen. Die Fragen lauten: 1.) Wie heißt du und warum bist du heute hier? und 2.) Was für Erwartungen hast du heute an den Gesprächskreis? Aus diesem Setting ergibt sich unter anderem auch durch die Schwierigkeiten, die einzelne TeilnehmerInnen mit der Spielvorgabe hatten, ein intensives Gespräch: Eine 63jährige Frau und ein Mann Mitte 30 berichten von ihren Erfahrungen mit der Psychiatrie und vor allem mit Psychopharmaka und die Ursachen ihres Entschlusses, diese abzusetzen. Ein anderer, der auch im Café mit mir am Tisch saß, erzählt von den demütigenden Erlebnissen mit PassantInnen und der Polizei, wenn er betteln geht. Bei diesem Gespräch beeindruckt mich vor allem, wie sich in dieser Runde völlig unterschiedliche Menschen (von 19-63, von Sozialhilfeempfänger bis Rentnerin, von "verrückt" bis "normal") einander näher kommen.
Anscheinend bin ich nicht die einzige, die nach den anderthalb Stunden den Eindruck hat, daß zwischen den TeilnehmerInnen ein intensives Gruppengefühl gewachsen ist: Wie zufällig finden wir uns im Café alle(!) an einem großen Tisch wieder zusammen. Ich sitze der 63jährigen Frau gegenüber, mit der ich mich bis zur Schließung des Cafés sehr intensiv und angeregt unterhalte.
Kurz nach 22 Uhr verlasse ich das KommRum mit vielen fast ausschließlich angenehmen Erfahrungen, die ich dort in nur sechs Stunden gesammelt habe. Besonders angetan bin ich von dem sehr offen geführten Gru